The art of letting go …

Man möge den englischen Titel entschuldigen – ich lese und schaue momentan viel auf Englisch und wie der Engländer sagen würde „it just keeps sticking somehow“ …

Treue Leser werden sich vielleicht noch erinnern, letztes Jahr im Sommer wurde meine Mutter krank. So zynisch und schwarzhumorig ich manchmal mit dem Thema „Beziehung zwischen Mutter und Tochter“ auch umgehen mag, die Ereignisse letztes Jahr haben mich in lange und komplizierte Grübeleien gestürzt. Schließlich ist der Tod ein Thema, daß die Lebenden gerne ausklammern. Gerade der Tod eines geliebten Menschen. Und das man sich damit manchmal schneller konfrontiert sieht als man geglaubt hat, nun, das wird jeder aus eigener, schmerzvoller Erfahrung kennen.

Ganz egal, welche Glaubenseinstellung man zum Tod haben mag – ob man ihn als absolutes Ende oder ein Schritt in eine andere Welt oder vielleicht auch als neuen Anfang begreift – er ist auf jeden Fall eines: eine Veränderung. Vor gar nicht allzu langer Zeit erzählte mir ein guter Bekannter, daß die Ärzte nicht mehr viel Hoffnung für seine Mutter haben und der Familie den Rat gaben „sich auf das Schlimmste vorzubereiten“. Nun ja, was ist das schlimmste? Ich würde rein intuitiv sagen, daß hängt vom Standpunkt ab. Mein Standpunkt tendiert eher in die Richtung, einen geliebten Menschen leiden zu sehen ist wesentlich schlimmer als ihm auf Wiedersehen zu sagen.

Es fiel der Satz „Ich will aber meine Mutter noch so lange wie möglich um mich haben!“ den ich ohne Nachdenken und rein aus der Intuition mit der Frage „Findest du das nicht ziemlich egoistisch?“ beantwortet habe. Und wie es oft ist mit Gedanken, die meiner Intuition entspringen und laut ausgesprochen werden, kann ich sie nicht wirklich ad hoc erklären. Genauer gesagt, ist es mehr ein Gefühl in Worte gefaßt als ein Gedanke. Nun, das ganze endete in einer recht hitzigen Situation, in der ich mich für eben diese Frage angegriffen sah. Und wie das so ist, wenn man die blöde Angewohnheit hat, mehr als nur eine Seite der Medaille zu sehen, kann ich diesen Angriff sogar verstehen und habe das Thema ruhen lassen.

Losgelassen hat es mich trotzdem nicht. Ich meine, wie kann man so herzlos sein, jemandem Egoismus vorzuwerfen wenn er einen geliebten Menschen so lange wie möglich um sich haben will? Ich habe darüber nach gedacht, wie ich mich fühlen würde steckte ich in der Situation, in der die Mutter meines Bekannten steckt. Und ich kam zu dem Schluß, ich wäre vermutlich sehr genervt davon, Jahre gegen eine heimtückische Krankheit anzukämpfen und es mit ratlosen Ärzten zu tun zu haben, die in mir mehr ein Versuchskaninchen für neue Therapien sehen. Noch mehr genervt wäre ich von Freunden und Familie, die ständig mit einer „Es könnte ja das letzte Weihnachten, der letzte Geburtstag, das letzte gemeinsame Lachen, etc. pp. sein“ Einstellung um mich herum wuseln, mich bemuttern und zu wissen glauben, was mein Leben verlängert weil sie mich noch lange um sich haben wollen (unvorstellbar, ich weiß).

Und dann habe ich darüber nachgedacht, was wäre, wenn es meine Mutter wäre. Es wäre hart, verdammt hart. Doch ich würde nicht wollen, daß sie sich quält. Ich glaube daran, daß im Tod auch Würde liegt und jeder ein Recht auf einen würdevollen Tod hat. Es hat in meinem Leben immer wieder Menschen gegeben, die zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht sind und wir haben exakt die Zeit den gleichen Weg geteilt, die es brauchte, damit mir diese Menschen das geben konnten, was nötig war. Es gab großartige Menschen in meinem Leben, zu denen ich heute keinen Kontakt mehr habe, die mir nichtsdestotrotz etwas Wertvolles geschenkt haben. Für mich ist das der Weg des Lebens. Niemand prägt diesen Weg intensiver als Eltern und vermutlich schmerzt nichts mehr als der Verlust dieser beiden Menschen – egal auf welche Weise, es ist nicht immer der Tod, der uns unsere Eltern nimmt.

Für mich ist es genauso der Lauf der Dinge, daß sich auch der Weg unserer Eltern irgendwann von uns trennen wird. Während meiner Grübeleien über dieses Thema kristallisierte sich immer mehr heraus, daß ich sie nicht aufhalten möchte. Wenn sie müde sind, ihre Zeit und ihr Weg sich dem Ende nähert, dann möchte ich nicht aus dem Wunsch heraus, nicht alleine zurück bleiben zu müssen, mit aller Kraft festhalten. Ich will sie begleiten – egal wie lange es dauern mag. Und ich möchte, daß sie gehen können mit dem Bewußtsein, daß ich meinen Weg fortsetzen kann auch wenn sich unsere Wege trennen. Sie sind der stärkste Teil von mir und die Menschen, die mir unendlich viel mitgegeben haben. Und deshalb möchte ich, daß sie in Würde und mit dem Gefühl gehen können, der wichtigste Teil meines Lebens zu sein.

Rainy day

Meine Socken stecken in dicken, weichen Flauschesocken, um meine Nase weht der Geruch von frisch aufgebrühtem Tee und draußen regnet es. Und regnet. Und regnet noch ein bißchen mehr. Meinetwegen kann es die ganze Woche regnen. Regen bedeutet im Normalfall keine Sonne, die das Büro aufheizt. Und es plätschert so gemütlich vor sich hin, passend zur nachdenklichen Stimmung.

Es ändert sich im Moment so viel. Nicht nur, daß ich jetzt nur noch vier statt sieben Tage zu Hause sitze und endlich etwas sinnvolles zu tun habe. Ähnlich einem Fluß, der sich aus vielen Quellen speist, plätschern meine Gedanken allmählich auf ein klares, gemeinsames Ziel zu. Noch weiß ich nicht so ganz, wohin genau. Macht nichts, es gibt genug interessante Dinge am Ufer.

So viele Möglichkeiten, etwas neues zu lernen. Und genau darauf habe ich Lust – neue Dinge zu lernen. Ich freue mich jetzt schon auf den Niederländisch Kurs, der in zwei Wochen beginnt. Es interessiert mich auch nicht sonderlich, daß mir der ein oder andere ständig erzählt, daß ich lieber etwas „Nützliches“ lernen solle. Französisch oder so. Darf ich das bitte selber entscheiden? Ich hab kein Talent für Französisch, aus der Schule weiß ich noch zu gut, daß ich die Aussprache nicht auf die Kette kriege. Meine Versuche, Französisch zu sprechen klingen wie europäisches Kisuaheli …

Es macht Spaß, den Kopf zu benutzen. Ich lese wieder wesentlich mehr und gucke weniger Fernsehen. Ich belege meine freie Zeit mit Verabredungen. Ich grübel über Lösungen für Probleme nach und komme langsam weiter. Ich kann mich immer noch darüber freuen, einen vernünftigen MP3-Player für wenig und vor allen Dingen eigenhändig verdientes Geld bekommen zu haben. Ich freue mich darauf, morgen wieder ins Büro zu gehen. Es macht mir Spaß, komplexe und mit technischen Ausdrücken gespickte Texte nicht nur zu verstehen, sondern auch noch in eine andere Sprache zu übersetzen – weil es mich fordert auch wenn ich fast eine Stunde herum knobel, wie ich „außergewöhnliche Steckervergoldungen“ am Besten übersetze, weil so etwas im benötigten Zusammenhang natürlich nicht im Wörterbuch zu finden ist.

Mir geht es gut und das erstaunt mich täglich auf ein Neues. Es fühlt sich ausgezeichnet an, nicht nur zu wissen, daß man etwas kann, sondern auch zeigen zu dürfen, was man auf der Pfanne hat. Was wohl unweigerlich eine Entwicklung nach sich zieht. Im Moment überlege ich, wie es weiter gehen soll, was ich machen möchte, was ich zusätzlich lernen möchte, was mich interessiert und meinen Fähigkeiten entspricht. Und plötzlich hat jemand wie ich, der mit längerfristigen Plänen für gewöhnlich so viel am Hut hat wie ein Huhn mit einer Rindfleischsuppe, ein grobes Ziel vor Augen. Noch leicht verschwommen, wie hinter einer Nebelbank verborgen.

Ich treibe dann mal weiter auf die Flußmündung zu. Mal gucken, wann ich am Meer angelangt bin. Oder um meine fiktive Lieblingsfigur sprechen zu lassen:

All we have to decide is what to do with the time that is given to us. — Gandalf, The Fellowship