Freier-Tag-Gedanken

Heute ist mein freier Tag. Und was ist? Es ist grau und regnet. So haben wir aber nicht gewettet. Außerdem bin ich vollkommen übermüdet und versuche gerade mich zu motivieren, doch jetzt in die Stadt zu fahren. Zur Bank, zur VHS, in den Buchladen (ein Geschenk kaufen – ich hoffe, es bleibt bei einem Buch …), Hosen und neue Schuhe kaufen. Ich könnte ja darauf wetten, daß ich weder passende Hosen noch vernünftige Schuhe finde und das Geld dann wieder im Buchladen durchbringe …

Vielleicht hätte ich heute Nacht schlafen sollen. Stattdessen überkam mich ein Aufräumwahn. Jetzt kann ich unten wieder treten ohne über irgendwelchen Krempel zu stolpern, meine Papiere sind ordentlich weggeräumt, meine private Buchhaltung auf den neuesten Stand gebracht, das Budget für diesen Monat durch gerechnet und alle Kerzenhalter mit neuen Kerzen bestückt. Nur noch Wäsche waschen – das kommt nachts um halb vier nicht so gut. Kann ich morgen machen.

Während des Auf- und Herumräumens darüber nachgedacht, welchen Sprachkurs ich nun belegen soll. Russisch geht nicht, dieses Semester läuft kein Anfängerkurs. Blieben Spanisch und Niederländisch. Spanisch läuft vormittags – schlecht, wenn ich arbeiten muß. Also Niederländisch, das läuft abends. Ich hab einfach Lust, was Neues zu lernen. So richtig Lust und nicht nur dieses „Ach, ich könnte ja eigentlich …“ Gefühl, aus dem dann ohnehin nie etwas wird.

Erstaunlich, was sich die letzten zwei, drei Monate getan hat. Was sich ganz langsam verändert. An so grauen Tagen wie heute habe ich manchmal das Gefühl, als würde ich neben mir stehen und mich beobachten. Als sei die dicke Frau mit den roten Haaren (Notiz an mich: neues Henna kaufen!) eine Fremde, die mit mir überhaupt nichts zu tun hat.

Dieser Job tut mir gut. Ich fühle mich wohl dort und wie ein trockener Schwamm saugt mein Verstand all das Neue, das es zu lernen gilt, in sich auf. Der Chef läßt seine Mitarbeiter Fehler machen in dem Glauben, daß sie daraus lernen. Gut, wenn man den gleichen Fehler ständig wiederholen würde, dann wäre er vermutlich schon ungehalten. Man kann ihn fragen wenn man etwas nicht weiß und wenn man einen Fehler gemacht hat, kann man das sagen – dann bekommt man erklärt, wie es hätte sein sollen und warum. Ruhig und gelassen nach dem Motto „Wissen ist dazu da, geteilt zu werden“. Es geht mir auch gar nicht so sehr um das Geld, was ich dort verdiene und von dem mir die ARGE eine Menge abziehen wird. Das Gefühl, etwas zu tun zu haben und sich dabei weiter zu entwickeln, selbständig arbeiten und Ideen einbringen zu dürfen, ist mehr wert als das Geld. Auch wenn ich mit Geld meine Rechnungen bezahle …

Ganz allmählich, dafür sehr unaufhaltsam, macht sich das Gefühl in mir breit, mein Leben endlich in den Griff zu kriegen und zu wissen, wohin es soll. Lange aufgeschobene Probleme anzugehen und eine Lösung dafür zu finden. Raus aus diesem Loch, in dem sich gar nichts mehr zu bewegen schien. Das fühlt sich ein wenig fremd an. Das Gefühl war so lange abwesend, daß es sich ganz fehl am Platze anfühlt und wenn man gewohnt ist, ständig nur Steine in den Weg geworfen zu bekommen, dann macht es einen auf den ersten Blick mißtrauisch, wenn etwas zu gut scheint um wahr sein zu können.

„Zeit, das sich was dreht.“ Es dreht sich, bewegt sich. Wohin auch immer, das werde ich ja dann schon sehen. Vorerst sollte ich mich in die Dusche bewegen, sonst wird das heute nichts mit in die Stadt fahren 😉

Nachtaktiv

Seitdem ich damals bei meinen Eltern mein eigenes Zimmer (auch liebevoll „das Kabuff“ genannt) bekam, bin ich des Nachts gerne wach wenn alle anderen schlafen. Dafür gibt es auch keine wirklich sinnvolle Erklärung. Ich mag die Nacht einfach. Es ist still und dunkel. Kein Alltagslärm und Kerzenlicht wirkt dann erst richtig. Ab zehn Uhr abends werde ich produktiv, was zur Folge hatte, daß in der Nacht vor dem Termin geschriebene Referate immer die Besten waren.

Die Nacht gehört mir. Mir mit meinen Büchern, meiner Musik oder Hörbüchern, meinem Thinkpad, den Kerzen, meinem Tee. Darüber diskutiere ich auch nicht und noch weniger lasse ich mich dazu erziehen, wann ich schlafen zu gehen habe. Ich bin siebenundzwanzig, nicht sieben. Schon meine Eltern haben es nicht geschafft, mir meine nachtaktive Seite auszutreiben. Wenn es denen nicht gelungen ist, dann gelingt es niemandem. Ganz böse geht es ins Auge, wenn man mir diese Eigenart zu einem Angriff auf die eigene Person umbasteln möchte. Damit geht man mir auf den Keks – nicht mehr, nicht weniger.

Es stecken in der Mehrzahl der Nächte keine großen persönlichen Probleme oder ähnliches hinter dieser Vorliebe. So bin ich eben. Schon immer gewesen. Eine weitere Ecke in meiner merkwürdigen Persönlichkeit. Mich stört das nicht und das ist für mich die Hauptsache …

Ich bin ein Palmendieb

Im Gegensatz zu anderen Einsiedlerkrebsen nutzen ausgewachsene Palmendiebe dagegen keine Muschelschalen oder ähnliches zum Schutz ihres Unterleibs, da sie ausgewachsen eine Größe erreichen, bei denen es ihnen nicht mehr möglich ist, ausreichend große Schneckenhäuser als Behausung zu finden. Deswegen haben sie andere Schutzstrategien entwickelt: Zum einen krümmen Palmendiebe ihren Hinterleib schützend unter den Vorderleib, wie es alle echten Krebse tun. Ihr wichtigster Schutz ist jedoch, daß sie im Laufe ihrer Entwicklung vom Jungtier zum ausgewachsenen Palmendieb Chitin und Kalk in die Hinterleibsdecke einlagern. Diese verhärtet sich im Laufe der Zeit und bildet so einen schützenden Panzer, der gleichzeitig auch den Wasserverlust an Land reduziert. In regelmäßigen Abständen stoßen die Palmendiebe diesen Schutzpanzer jedoch ab. Während der dreißig Tage, die es dauert, bis sich ein neuer schützender Panzer ausbildet, leben die Palmendiebe sehr versteckt.

Quelle: Wikipedia – Palmendieb

Und das nicht etwa, weil diese Tierchen ausgesprochen häßlich sind. Nein, sie verhalten sich genauso wie ich. Vor kurzem sprach ich mit einer Freundin darüber, daß der Mensch ab und an aus seinem alten Schutzpanzer herauswächst und es einfach ein wenig Zeit braucht bis man sich nicht mehr klein und verletzlich fühlt und an die neue Hülle gewöhnt hat.

Ich verkrieche mich und warte einfach, bis ich den Verlust der alten Haut verwunden habe und mein neuer Schutzpanzer nicht mehr butterweich ist. Wir alle haben einen Schutzpanzer und ich persönlich erachte den auch für wichtig und notwendig, so lange er nicht zum reinen Selbstzweck wird.

Im Moment staune ich mal wieder darüber, wie sehr die Auffassung anderer Menschen von meiner abweicht. Oder mache ich wirklich so sehr den Eindruck, ein lebloser Felsen zu sein, an dem alles wirkungslos abprallt? Dem ist ganz und gar nicht so, schließlich habe ich vor ein paar Wochen einen Schlußstrich unter etwas gezogen, was lange Zeit Teil meines Lebens war. Auch wenn das anders abgelaufen sein mag wie erwartet und normalerweise eher üblich, es ändert nichts daran, daß sich in mir viele Dinge bewegen.

Ich bin momentan verletzlich und ich fühle mich manchmal sehr stark so. Was spricht dagegen, mich dorthin zu begeben, wo ich mich wohl und sicher fühle? Egal, wo das ist – ob in meinem Bett mit einem Buch oder auf einem Spaziergang durch den Regen oder auf ein Bier bei Freunden. Und Freunde sind die Menschen, die mir zu hören statt mich mit unerwünschten Ratschlägen zu bombardieren. Wenn ich Hilfe brauche, dann suche ich mir die. Ansonsten mache ich das alleine mit mir aus. That’s the way I am. So einfach.

Bist du aber zickig!

Das ist so ein Satz, den ich immer genau dann zu hören bekomme, wenn jemand seinen Willen mir gegenüber nicht durchsetzen kann. Ich bin nicht zickig, ich bin eigenwillig – was soviel heißt wie „ich verfüge über einen eigenen Willen“. Und dieser Wille muß nicht zwangsläufig in die gleiche Richtung gehen wie der des Menschen, mit dem ich es zu tun habe. Womit ich dann überhaupt nicht zurecht komme, das ist kindisches Verhalten wie Trotz oder der Versuch, mir ein schlechtes Gewissen einzureden, weil ich gerade z.B. so gar keine Lust habe dies oder jenes zu tun.

Schon meine Eltern haben die Erfahrung gemacht, daß es keinen Sinn hat, mich zu irgend etwas zwingen zu wollen. Funktioniert nicht nur überhaupt nicht, sondern geht im Normalfall ganz gewaltig nach hinten los. Ich reagiere auf vernünftige Gespräche und Bitten, nicht auf Zwang oder emotionale Erpressung. Das habe ich mir in meiner Jugend angewöhnt und ich bin damit bis jetzt ziemlich gut gefahren. Konfrontation muß nicht immer etwas schlechtes sein – es kommt immer darauf an, wie man konfrontiert. Danke Dad, das war eine der wertvollsten Lektionen, die Du mir mitgegeben hast.

Everybody’s Darling

Man kann es einfach nicht allen recht machen, irgendwem wird man unweigerlich immer auf die Hühneraugen treten. Immerhin hat es knappe vierundzwanzig Jahre gedauert, bis Frau Mirtana eben jene Lektion gelernt hat. Vorher hab ich mich damit herum gequält, daß ich jemandem auf die Hühneraugen getreten bin oder vor den Kopf gestoßen habe. Everybody’s Darling sein zu wollen hat den Nachteil, man verliert sich irgendwann selber in den Vorstellungen, die andere Menschen sich so im Laufe der Zeit von einem machen.

Ich habe mich früher bis zur Unkenntlichkeit verknotet und trotzdem damit nicht den erwünschten Effekt erzielt: gemocht, akzeptiert, angenommen zu werden. Irgendwann hatte ich schlicht und ergreifend keine Lust mehr darauf, nur das zu sein, was man in mir sah. Seitdem bin ich manchmal einfach unbequem. Feinde sagen mir auch nach, dickköpfig, stur und eigenwillig zu sein. Immer mit dem Unterton, daß dies negatives Verhalten und somit unerwünscht sei. Bullshit. Dickköpfig und eigenwillig zu sein ist nichts negatives mehr wenn man diese Charaktereigenschaften als das sieht, was sie auch sein können: ein Zeichen dafür, daß jemand sich behaupten kann und es nicht nötig hat, sich zu verknoten und auf Biegen und Brechen anzupassen.

So reagiere ich zum Beispiel mit Unwillen darauf, wenn mir jemand Vorhaltungen macht über die Höhe des Trinkgeldes, das ich gebe. Ich gebe Trinkgeld, wie es mir paßt und in der Höhe, die ich für angemessen erachte. Denn zum einen gehört es für mich zum guten Ton, für guten Service Trinkgeld zu geben und zum anderen ist nicht das Trinkgeld dafür verantwortlich, wenn mir das Geld ausgeht, sondern die Tatsache, daß ich überhaupt erst Eis essen oder Frühstücken gegangen bin. Da werde ich dann als „eigensinnig“ bezeichnet, in der klaren Absicht, mich zu beleidigen. Beleidigungen liegen im Auge des Betrachters?

Für mich ist es auch nicht das höchste der Gefühle, vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche in trauter Zweisamkeit mit einer anderen Person zu versinken – ich brauche Freiraum und Zeit für mich, für meine Interessen und meine Freunde und Bekannten. Und ich sehe auch gar nicht ein, warum sich da irgend etwas überschneiden soll oder zwangsläufig muß.

Ich kann den letzten sechseinhalb Jahren viel nachsagen, doch eines hat mich die Zeit mit der ehemals besseren Hälfte gelehrt: daß ich ein Recht darauf habe, ich selber zu sein und daß das Konzept „Everybody’s Darling“ einfach nicht funktionieren kann. Und das werde ich nicht aufgeben. Für niemanden.