Rückzug

Ganz selten erwischt es mich so richtig aus dem Hinterhalt. Sonntag Abend war noch alles in Ordnung als ich aus Tad Williams „Der Abschiedsstein“ vorlas. Montag morgen war gar nichts mehr in Ordnung. Sieht man einmal von den Magenschmerzen, der Übelkeit und den andauernden Gesprächen mit der Kloschlüssel ab, die mich erst denken ließen, ich sei schwanger (das hätte mir gerade noch gefehlt …). Plötzlich wollte ich nur noch eins: in mein Bett und alleine sein. Keinen Menschen sehen, keinen Menschen hören und schon mal gar keinen Menschen sprechen.

Irgendein Magenvirus oder so etwas in der Art gepaart mit einer ausgewachsenen Depression ist keine gute Mischung. Drei Tage in Selbstmitleid versinken, meistens schlafen wenn ich nicht damit beschäftigt war, ausdauernd des Nachts um den Block zu laufen um die Bilder abzuschütteln, die mir mein freundliches Unterbewußtsein um die Ohren schlug. Bilder aus der Vergangenheit, die weh taten. Nach dem Hochgefühl, endlich die Situation geklärt zu haben, ein tiefer Absturz und die Erkenntnis, daß man sich nicht einfach um den Schmerz drücken kann. Es kam eine Menge Schmerz zum Vorschein. Verpaßte Gelegenheiten, falsche Abzweigungen, die sich als Sackgasse erwiesen, dumme Entscheidungen, vergeudete Zeit.

Donnerstag morgen. Draußen vor dem Fenster scheint die Sonne und Vögel zwitschern im Baum. Aufgestanden und kalt geduscht. So lange kaltes Wasser auf den Körper prasseln lassen bis es sich anfühlt, als würden tausend kleine Eisnadeln auf die Haut prallen. Bettwäsche gewechselt, den Berg zerknüllter Taschentücher weg geräumt, Papiere sortiert und abgeheftet, Rechnungen bezahlt, in die Stadt gefahren und im Old Town Earl Grey trinken gewesen.

Vergangenheit läßt sich nicht ändern, der Zug ist abgefahren. Entscheidungen, einmal getroffen, haben ihren Sinn und Zweck. Drei Tage lang darüber nach gedacht, was ich eigentlich genau will und was nicht. Antworten auf unangenehme Fragen gefunden. Wissen, was zu tun und was zu vermeiden ist um dahin zu kommen, wo ich hin will. Denn ich weiß, wo ich hin will und was ich will. Rückzug von allem und jedem hat auch den Vorteil, man hat viel Zeit zum Nachdenken und neu definieren. Es ist einfach Zeit, bestimmte Vorstellungen und Vergangenheit endgültig loszulassen. Auch wenn es weh tut.

Wurzeln

Wurzeln sind etwas, das ich nicht wirklich besitze. Ich habe zwar die ersten einundzwanzig Jahre meines Lebens in ein und demselben Kaff verbracht, bin dort zur Schule aufgewachsen und habe die Pubertät überlebt, doch wenn ich heute dorthin zurückkehre, dann fühle ich mich, als würde ich ein Stück Vergangenheit aus der Schublade holen. Viele Erinnerungen, traurige wie auch schöne, die allerdings die Tatsache nicht verbergen, daß sich zum einen das Kaff und zum anderen ich selber mich verändere.

Manchmal – so wie heute, wenn ich im Park liege und lese – dann frage ich mich, was wohl geschehen und wer ich heute wäre, wenn ich mich nicht dazu entschlossen hätte, 2002 dort weg zu gehen. Wäre mein Freundeskreis dann noch derselbe und wie wäre das Verhältnis zu meiner Familie, dem engen sowie dem weiten Kreis? Entscheidungen, die ich einmal getroffen habe, lassen sich nicht mit gedanklichen „Was wäre wenn“ Experimenten verändern.

Doch die Frage, die mich manchmal umtreibt, bleibt. Woran liegt es, daß ich nirgendwo so fest verwurzelt bin, daß ich einfach meine Sachen zusammen packen und ohne größeres Bedauern woanders hingehen kann? Schon als Teenager hatte ich nie Heimweh, egal wo ich war. Ich war schon immer da zu Hause, wo ich mich befinde. Und eines habe ich mir 2002 geschworen: nie wieder von jemanden abhängig zu sein wie man das als Teenager nun einmal von seinen Eltern ist. Nie wieder.

Seit ein paar Tagen spukt mir die Frage durch den Kopf, ob es wieder an der Zeit ist, weiter zu ziehen oder ob ich hier bleiben soll. Für beides gibt es gute und weniger gute Gründe. Egal, wie ich mich entscheiden werde – etwas wird sich grundsätzlich ändern, es ist Zeit dafür. Und es werden keine Wurzeln sein, die ich über Nacht entwickel.

Ein Ende beinhaltet auch …

… immer die Chance für einen Anfang. Es liegt an mir, was ich daraus mache. Ich habe hier etwas Neues, entstanden aus etwas Altem, in der Hand. Tacheles reden und neue Definitionen schaffen für etwas, das sich selber überlebt hat. Man muß nicht in Streit und Ärger auseinander gehen. Und ein Teil von mir ist sehr dankbar dafür, daß er nicht so einfach aus meinem Leben verschwindet. Denn wir waren immer Freunde, es war die Basis unserer Beziehung. Und nur, weil die Beziehung nicht mehr funktioniert hat, muß ich die Freundschaft nicht aufgeben. Ich mag den Satz „Laß uns Freunde bleiben“ nicht – weil er in der Realität bei den meisten Leuten nicht funktioniert und somit zur hohlen Floskel degradiert wird. Dieser Satz ist hier nicht einmal gefallen und es ist auch nicht notwendig. Dieses Ende braucht keine hohlen Floskeln.

Was ich nun sehr erstaunlich finde, sind die Reaktionen meines Umfeldes. Einige davon sind Menschen, denen ich reines Schwarz und Weiß sehen gar nicht zugetraut hätte. Interessant, wie schnell da so manch einer mit Schuldzuweisungen an der Hand daher kommt und mir erzählen will, wessen Schuld es ist, daß es nicht mehr funktioniert hat. Ich komme dabei jedesmal wie ein armes, unschuldiges Opfer weg und die ehemals bessere Hälfte ist das Böse …

Liebe Leute, es gibt auf dieser Welt mehr als Schwarz und Weiß. Niemand – und ich wiederhole das gerne noch einmal des Nachdrucks willen – niemand hat das Recht, sich ein Urteil darüber zu erlauben, wer welche Schuld trägt und wer inwiefern Opfer ist. Es gibt hier keinen alleinig Schuldigen und es gibt schon mal gar keine Opfer. Zum Scheitern einer Beziehung gehören immer zwei Menschen. Immer. Was zwischen der ehemals besseren Hälfte und mir passiert ist, können nur zwei Menschen beurteilen: er und ich. Sonst niemand. Es hat Fehler auf beiden Seiten gegeben, dumme oder einfach falsche Entscheidungen, die Konsequenzen nach sich zogen. Er und ich haben zusammen diesen Beziehungs-Karren vor die Wand gefahren und ich dulde nicht, daß man mich zu einem Opfer (und ihn zum Arschloch) macht. Ich bin keines, ich habe Fehler gemacht und dafür die Konsequenzen getragen. Nicht mehr, nicht weniger.

Unsere Beziehung war schon anders als die meisten. Warum sollte dann das Ende nicht auch anders sein? Ohne Drama, ohne Ärger und ohne Streit, sondern respektvoll und freundschaftlich. Und es interessiert mich einen Scheißdreck, was andere glauben, dazu äußern zu müssen. Die Wahrheit kennen alleine die ehemals bessere Hälfte und ich. Jeder, der meint, aus mir ein bedauernswertes Opfer machen zu müssen, wird erstaunt feststellen dürfen, daß ich das nicht bin.

Gerufene Geister …

Herr und Meister, hör mich rufen!
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

Aus: J. W. von Goethe – „Der Zauberlehrling“

Da sitze ich, starre auf mein Telefon und bittere Enttäuschung kriecht mir langsam den Hals hoch. Verdammte Neugier. Du wirst irgendwann noch der letzte Nagel zu meinem Sarg sein. Irgendwer muß ja schuld sein und da sich gerade kein geeignetes Opfer am Horizont abzeichnet, dann bist Du es eben, Fräulein Neugier. Du hast die Geister auf den Plan gerufen, die Schritt für Schritt meine Schutzmauern abtragen und mich mit dem Gefühl, sehr klein, sehr angreifbar und sehr verletzlich zu sein, zurück lassen.

Das mag ich nicht, es fühlt sich unangenehm an. Viel schlimmer noch, es macht mir Angst. Da kommt was auf mich zu, was ich nicht absehen kann und an den Grundfesten meines Selbstverständnisses rütteln wird. Ich bin es nicht gewohnt, daß man in mir liest wie in einem offenen Buch und daß man genau weiß, was in mir vorgeht.

Ich bin Abstand und die Möglichkeit, selber zu entscheiden, wie weit Nähe wirklich geht, gewohnt. Jetzt benehme ich mich wie ein handzahmes Kaninchen, daß ohne seinen Stallgenossen unruhig wird. Ich kann dabei zusehen, wie sich ganz langsam etwas ändert – und daß es weh tun wird.

Irgendwas müssen meine Eltern wohl bei der Lektion „Hand auf heiße Herdplatte gleich Aua“ falsch gemacht haben. Warum sonst patsche ich jedesmal wieder mit beiden Händen sorglos ins Feuer? Eigentlich sollte ich es doch besser wissen. Feuer macht Aua.

Hätte ich mal nicht … läßt sich hinterher sehr leicht sagen. Ich hab aber und jetzt kann ich zusehen, wie ich mit den Konsequenzen und dem Chaos, was ich damit in mir geschaffen habe, klar komme. Die Geister, die ich rief … Da schwirren sie im Halbdunkel, gerade ganz knapp unter der Decke, zeigen mit dem Finger auf mich und kichern leise. Ich hab keine Ahnung, was ich tun soll. Alles was, ich weiß: ich muß was tun. Bevor es zu spät ist.

All dieser Trotz, der sich in mir breit macht. Ich kann die Situation verstehen und dennoch, die Enttäuschung kriecht in mir hoch, ich hab meine Stimme nicht unter Kontrolle und reagiere wie ein trotziges Kleinkind, dem man keinen Lolli kauft. Ich höre mich selber und frage mich angewidert „Verdammt, bist das noch Du?“ Ich sehe mich selber plötzlich auf eine Art und Weise reagieren und auf Mechanismen zurück greifen, die nicht meine sind und die ich verabscheue, wenn sie jemand im Umgang mit mir einsetzt. Die bis jetzt auch gar nicht zu meinem Repertoire gehörten.

Ich kenn mich mit mir selber nicht mehr aus und ich weiß nicht einmal, was im Moment mit mir passiert. Kann mir einer die Nummer der Ghostbusters raussuchen, bitte?

Komplimente

Ein Kompliment ist eine wohlwollende, freundliche Äußerung gegenüber einer anderen Person, die an dieser etwas hervorhebt. Etwas, das demjenigen, der das Kompliment macht, an der anderen Person besonders gefällt bzw. positiv auffällt. Ganz egal, ob das jetzt eine geschickte Kleiderwahl, schöne Augen, ein freundliches Lächeln oder ein herausragendes Merkmal des Charakers sein mag.

In unserem Kulturkreis scheint es üblich zu sein, ein Kompliment mit Dank anzunehmen und gegebenenfalls zurück zu geben. Bei den Japanern (glaub ich zumindest) ist es dagegen üblich, ein Kompliment erst einmal zurück zu weisen. Nun sind wir nicht in Japan, bleiben wir also in heimischen Gefilden.

Komplimente anzunehmen ist etwas, das mir persönlich früher sehr, sehr schwer fiel und mich unheimlich verlegen gemacht hat. Was dann zum einen zu knallroten Ohren führte und zum anderen dazu, daß ich dazu überging, das Kompliment zu entkräften. Man könnte auch sagen, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen. Eine merkwürdige Form der Unsicherheit.

Eine andere Form von Unsicherheit ist dieses „Fishing for Compliments“. Hat jeder bestimmt schon einmal erlebt. Die junge, attraktive Dame, die darüber nörgelt, daß ihre Problemzonen so problematisch seien und doch eigentlich nur hören möchte, daß ihr Hintern vollkommen in Ordnung ist. Um mal mein Lieblingsbeispiel anzuführen. Finde ich mittlerweile sehr anstrengend, um ehrlich zu sein. Ist ein Kompliment noch eines, wenn man mehr oder weniger gezwungen wird, es zu äußern?

Dazu gehören auch die Menschen, die permanent ihre eigene Person mit negativen Eigenschaften belegen oder sich selber kleiner machen als sie sind. Warum tun sie das? In der Hoffnung, man möge ihnen widersprechen? Ist es Unsicherheit, weil sie nicht wissen, wer sie sind und was sie können? Mittlerweile reagiere ich auf dieses Fishing auch nicht mehr, genauso wie ich mir irgendwann angewöhnt habe, ein Kompliment als das zu sehen, was es ist: ein kleines, verbales Geschenk, über das man sich freuen kann. Was jetzt nicht heißt, das ich manchmal nicht doch noch ein bißchen rote Ohren bekomme.