Hunger nach Leben

Mein Leben könnte man als chaotisch bezeichnen. Sehr oft ändert es sich von einem Tag zum anderen. Was ich gestern noch als unmöglich bezeichnet hätte, ist vielleicht morgen schon meine Realität. Es gibt Phasen, da plätschert der Fluß friedlich vor sich hin um dann wieder breit über die Ufer zu treten und alles mit sich zu reißen, was ihm im Weg steht.

Es ist ein ziemlich kapriziöses Ding, dieses mein Leben. Versuche ich Pläne zu machen und es in eine Bahn zu lenken, die ich heute für sinnvoll halte, dann wirft es mir früher oder später halbe Gebirge in den Weg, die mich dazu zwingen, einen großen Umweg zu laufen und mich ziemlich oft zu verlaufen. Das Ziel verliert sich und dann gibt es auf neuen Wegen so viel Neues zu entdecken. Hat den Nebeneffekt, daß ich bisher nie wirklich sehen konnte, wohin mich mein Weg eigentlich führt. Ist das überhaupt möglich? Kann ich heute schon sagen, wer ich in zehn Jahren sein werde?

Ich denke nicht. Jede Entscheidung, die ich treffe, ändert etwas. Wie sagte Heraklit so schön? Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen, denn andere Wasser strömen nach. Alles fließt, nichts bleibt.

Wenn meine Mutter mich als Kind mal eben zum kleinen Supermarkt um die Ecke schickte um Milch, Gewürze, Zucker oder was auch immer sie vergessen hatte, zu kaufen, dann konnte es schon mal passieren, daß ich erst nach ein, zwei Stunden wieder auftauchte – auch wenn der Supermarkt keine zehn Minuten Fußweg von unserem Haus entfernt war. Ich ließ mich ablenken, spielte mit Hunden und Katzen, ging „mal eben kurz“ schaukeln auf dem kleinen Spielplatz, lief Umwege oder ging Brombeeren stibitzen.

Ich bin heute noch genauso und ergreife jede Gelegenheit, um Erfahrungen am Wegesrand einzusammeln. Das macht mein Leben chaotisch und den Weg, den ich zurücklege, für viele nicht nachvollziehbar. Diese Eigenart hat mir im Gegenzug auch viele schöne Momente und wertvolle Erfahrungen geschenkt. Es ist nicht die Angst, etwas zu verpassen, es ist der Hunger danach, zu leben, der mich jede Gelegenheit beim Schopfe packen und Entscheidungen spontan aus dem Bauch heraus fällen läßt. Sie sind nicht immer weise und ziehen unüberschaubare Konsequenzen nach sich. Doch mir ist das lieber so als einfach nur zu warten, daß mein Leben passiert.

Schnapsidee

Da liegt frau nachts und nichtsahnend im Bett und denkt an Zeiten, als sie noch ein unschuldiger Teenager war und jeden Dienstag ins örtliche Kino (lebt das Ding eigentlich noch?) getigert ist, um für fünf Mark die Filme des VHS-Kinoprogramms zu sehen. Da fällt ihr plötzlich ein Werbespot einer lokalen Zeitung ein, der immer vor dem Film lief. Da sieht man eine blanke Leinwand und als ob man beim Tippen zuschaut, erschienen da Buchstaben. Da sprach die Tageszeitung mit einem. Frei nach dem Motto: Du kannst mich überall lesen. Mich zusammen knüllen. Mich mit in die Bahn nehmen und dann liegen lassen. Und so weiter und so fort. Als ich so darüber nach dachte, kam mir die Frage in den Sinn „Warum machst du so etwas nicht als Präsentation statt des langweiligen PDFs, was Du an Bewerbungen per E-Mail immer so dran hängst?“ Ein kurzer Gedanke, der sich so fest setzte, daß ich wieder aufstand, Stift und Papier suchte und grob Sätze nieder schmierte (im Bett auf dem Bauch liegend schreibt es sich so schlecht), was so eine imaginäre Stimme über mich erzählen könnte. Die letzten zwei Tage hab ich mich also damit auseinander gesetzt, so eine Präsentation fertig zu machen. Weil, zu verlieren hab ich nichts und Versuch macht klug. Schauen wir mal, was aus der Schnapsidee wird.

It’s getting dark

It’s getting dark again and I’m feeling good again
the night it comforts me like wine
and it takes me out again to look for you my friend
there where the bright big city lights shine

And I wandered through the sky
and I hold my head up high
and I meet you ‚round the bend
and that old feelings is back
breaks my heart and breaks my neck
don’t wanna get it to an end

The Bates – It’s Getting Dark

Nur das Licht des Monitors bemüht sich vergeblich, den Raum zu erhellen. Auf den Ohren habe ich den Kult-Klassiker von Douglas Adams und reise mit Arthur Dent ins All. Ein Tag wie jeder andere. Ein bißchen von meinem Kram von einer Ecke in die andere geräumt, viel Tee getrunken, Sabber von einem Hund, der mir nicht gehört, auf meiner Tastatur gefunden, Dateien umbenannt und sortiert, an einer Präsentation rumgebastelt, in Hörbüchern geschwelgt und höflich Konversation mit der Dame am anderen Ende der Hundeleine betrieben (soll heißen, sie hat geredet und ich an den richtigen Stellen genickt). Ein Tag wie jeder andere?

Irgendwie nicht. Das meiste rauscht die letzten Tage schon an mir vorbei während ich versuche, mich auf die Alltäglichkeiten, die das Leben einem so vor die Türe schaufelt, zu konzentrieren. Nicht sehr erfolgreich, die Spanne meiner Konzentration reicht im Moment von zwölf bis Mittag. In meinem Inneren ist es so laut und ein kleines Stimmchen brüllt mir so ohrenbetäubend zu, daß ich nicht anders kann, als ihm zu zuhören. Es hat ja recht.

Alles hat seine Zeit. Alles wird zu seiner Zeit geboren und alles stirbt zu seiner Zeit. Loslassen. Abschied nehmen. Hoffnungen begraben. Da hilft es auch nicht viel zu wissen, daß sich immer eine neue Türe öffnet sobald sich eine andere hinter einem schließt. Ich stehe immer noch im alten Türrahmen, den Blick voller Sehnsucht zurück gerichtet. Ich will sie wieder haben, die Zeit, die schon lange das Zeitliche gesegnet hat. Meine Augen wollen mir vermitteln, daß da schon eine neue Türe aufgegangen ist. Will ich da wirklich durch gehen?

Es ist sehr lange her, daß ich mich so klein und so verletzbar gefühlt habe. Jedesmal, wenn neue Geschosse gegen die großen Befestigungsmauern prallen, die ich im Laufe der letzten Monate um mein Innerstes gezogen habe, dann zucke ich zusammen und wünsche mir, ich könnte mich unter meiner Bettdecke verkriechen. Wenn der Morgen dämmert, dann war das alles nur ein Albtraum, den man beim Aufstehen schon wieder abschüttelt und in den Laken zurückläßt.

Wie und warum konnte das passieren? Was sind die Fehler, die ich gemacht haben muß? Hätte ich diese Entfremdung verhindern können? Zu begreifen, daß es kein „wir“ mehr gibt, keine zwei Menschen, die Seite an Seite stehen, tut weh. Jede Nacht, bevor ich ins Bett gehe, decke ich den Mann, der mal an meiner Seite war, wieder zu, stelle das Fenster auf Kipp und mache den Fernseher aus. Offensichtlich hat er eine Entscheidung getroffen und sie ist nicht für mich ausgefallen, sondern für eine andere Welt. Die ich auch mal betreten und heile wieder verlassen habe. Ich kann nicht einmal etwas dagegen tun, nur hilflos zuschauen. Und mich fragen, ob es einen Unterschied machen würde, wenn ich nicht mehr hier wäre. Es wäre vermutlich nur wesentlich chaotischer in der Bude.

Das kostet mich Energie, von der ich nicht genügend habe. Zeit für eine endgültige Entscheidung? Sehr wahrscheinlich. Warum dann mache ich es mir selber schwerer als es ist? Ich komme mir vor wie eingefroren während mir die Zeit davon läuft. Lebenszeit. Die ich damit verbringen könnte, wesentlich zufriedener und glücklicher zu sein als jetzt. Denn ich bin hauptsächlich zynisch und auf Verteidigung gebürstet. Ist das nicht paradox? Sich dem Gefühl des Unglückseins kampflos ergeben weil einem tief im Inneren ein betrügerisches Stimmchen zuflüstert, man hätte Zufriedenheit und Glück gar nicht verdient?

Die Teetasse in beiden Händen haltend und einfach in die Schwärze jenseits des Fensters starrend während Arthur Dent sich mit dem Plapperkäfer von Traal herum ärgert. Da draußen ist es trotz Laterne vor dem Haus irgendwie finster. Es paßt so gut, ich kann im Moment auch nicht sehen, wo mein Weg mich hinführt. Je nach Laune und Stimmung, die im Moment im Halbstundentakt umschlägt, finde ich das abwechselnd aufregend oder zum fürchten. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit habe ich Angst. Nicht vor dem Dunkel. Vor mir selber.

Ich bin nicht einmal mehr wirklich böse auf ihn. Die Erkenntnis, daß jeder für seine eigenen Gefühle verantwortlich ist, hat sich tief genug in mir fest gesetzt um nicht mehr nur dem anderen den schwarzen Peter zuschieben zu können. Ich bin traurig, weil es nicht mehr zu ändern ist. Auch Kämpfe müssen irgendwann ein Ende haben, erst recht, wenn sie nicht mehr zu gewinnen sind. Er muß selber um sich kämpfen, das kann ich nicht für ihn tun. Und jetzt werde ich ihn zudecken, das Fenster auf Kipp stellen, den Fernseher ausschalten und nicht darüber nachdenken, daß ich genau das nicht mehr tun werde. Und dann gehen mein müdes Herz und ich ins Bett, um in aller Ruhe auf den Schlaf zu warten.

Ohne Titel

Eine Stunde später. Ich krabbel aus dem Bett, wecke das Notebook aus dem Standby-Betrieb, klemme mir die Kopfhörer auf die Ohren, mache Klassik-Radio an und quäle meine Tastatur. Ob ich im Dunkel an die Decke oder auf ein Display starre macht da auch keinen großen Unterschied mehr. Irgendetwas zerrt an mir und mit dieser inneren Unruhe läßt es sich schwer einschlafen.

Nun, meinen Wach-Schlaf-Rhythmus hab ich die letzten Tage ohnehin schon vollkommen ruiniert und wenn ich denn mal einschlafe, dann reicht es gleich für zehn, zwölf Stunden. Irgendwo unter meinen Urahnen muß sich ein Bär befinden, anders kann ich mir diese Attacken von Winterschlaf auch nicht erklären.

Wenn ich so im Bett liege, die Decke anstarre und darauf warte, daß sich Gevatter Schlaf in meine Laken verirrt, frage ich mich, was ich von all dem halten soll. Ohne Antwort auf eine Frage bleibt nur das Reich der Spekulationen. Genau das kann ich gut, spekulieren und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich wütend oder aber verletzt sein soll, weil ich keine Antwort bekomme.

Es fühlt sich an, als ob mir etwas fehlt. Hab ich die letzten Tage irgendwo einen Teil meiner Emotionen verlegt? Ich stehe in der Küche und denke nach. Ist ja nicht so, daß ich das die letzten Tage nicht permanent tue. Fast automatisch greift meine Hand nach dem Glas mit dem Earl Grey. Der Geruch erinnert mich an etwas und das Ziehen in der Brust wird stärker. Da war doch was? Earl Grey zählt nicht mal zu meinen Favoriten, ich trinke den nur sehr selten – meist dann, wenn dieses Ziehen sich wieder in meine Brust schleicht.

Beide Hände umfassen meine Teetasse. Noch zwei Tage, dann werde ich eben auf die Suche gehen. Und ich werde finden, was ich haben will. Denn es gibt eine Antwort, egal wie furchtbar sie sein mag. Und ich will sie hören.