Der einäugige Otto

Ich hab da dieses komische Ding mit Hunden. Nicht nur, daß ich Hunde mag und selber gerne einen hätte. Nein, Hunde mögen mich genauso. Früher oder später mag mich jeder Hund. Die meisten mögen mich sogar auf Anhieb. Mir passieren auch immer sehr merkwürdige Dinge im Zusammenhang mit Hunden. Aggressive Hunde, die eben noch die ganze Welt verbellt und angeknurrt haben werden auf einmal zum liebsten Tier der Welt. Hunde entscheiden auch schon mal, daß es mit mir doch viel netter sei als mit dem joggenden Herrchen und begleiten mich ungefragt ein Stück. Was das joggende Herrchen nicht so witzig fand. Finde ich einen vor dem Supermarkt angebundenen Hund, der jämmerlich nach seinem Frauchen weint kann ich davon ausgehen, das folgendes passiert: Hund sieht mich, Hund vergißt alles um sich herum und versucht schwanzwedelnd zu mir zu gelangen, wird dabei jedoch von seiner Leine auf halbem Wege aufgehalten. Junge Hunde lieben mich ganz besonders, die glauben immer ich würde sofort mit Ihnen spielen und hüpfen dann aufgeregt um mich herum so daß ich Mühe habe ihnen nicht auf die Pfoten zu treten. Damit könnte ich ja leben wenn Hunde nicht im Normalfall Besitzer im Schlepptau hätten …

Ich ziehe immer die Art von Hundebesitzer an, die ganz besonders mitteilungsbedürftig ist. So kann ich an einem See stehen und versuchen stimmungsvolle Bilder im Abendlicht zu machen und dann findet mich erst der Hund, dann das dazu gehörige Herrchen. Der übrigens schon fünf Entziehungskuren hinter sich hat und jedesmal war es was anderes. Alkohol. Tabletten. Amphetamine. Und was man sonst noch so zum Berauschen konsumieren kann. Kennt er alles. Hat er alles mit gemacht. Aber echt jetzt, clean geworden wäre er ja jetzt erst nachdem sein Oppa gestorben sei und er den Hund hätte. Weil der Oppa hat den ja so jung gekriegt und den ins Tierheim geben, also das hätt er ja nicht übers Herz bringen können. All das bekomme ich erzählt ohne daß ich auch nur im Ansatz danach gefragt hätte oder gar den Eindruck erwecken wollte es würde mich interessieren. Ich wollte doch nur versuchen den See in Abendlichtstimmung abzulichten.

Oder den älteren Herren, der mir an der Bushaltestelle seinen Lebensweg seit dem Weltkrieg im Telegramstil erzählt und warum er seitdem den Hunden mehr vertraut als den Menschen. Menschen, pah. Soll ich man schön mit wech gehen, mit Menschen. Die wären alle untreu und Verräter, einzig der Hund sei der wahre Freund des Menschen! Und sein Pekinese versucht derweil seine Behauptung zu untermauern indem er meine Schürsenkel zu töten versucht. Vermutlich kann so ein Pekinese schnöden Schnürsenkeln auch nicht vertrauen.

So ist das mit mir und den Hunden. Und den Besitzern von Hunden. Was mich ja zu der Frage bringt ob Hundebesitzer generell mitteilungsbedürftiger sind als Menschen ohne Hund oder ob ich immer nur die Seltsamen erwische. Als ich vor ein paar Tagen am See in Hullern saß, schön in der Sonne, und mir viele Dinge und Gedanken in ein Notizbuch notierte während ich mich alleine wähnte riß mich auf einmal eine feuchte Hundenase aus meinen Gedanken. Besagte Nase gehörte zu einem häßlichen Hund, der mich unter dem Tisch freundlich anzugrinsen schien. Ich mein, das ist ja jetzt auch ein Kunststück. So häßlich und gefährlich auszusehen wie ein durchgenudelter Preisboxer, der sein Geld jetzt als Rausschmeißer in einer Bikerkneipe verdient, und trotzdem einen freundlichen Eindruck zu hinterlassen. Das Tier gehörte der Rasse der französischen Bulldoggen an und hatte nur ein Auge. Gibt ja Persönlichkeiten, wo so ein fehlendes Auge irgendwie ein draufgängerisches Image verleiht. Die französische Bulldogge, die auf den Namen Otto hörte wenn sie wollte, gehörte jetzt nicht so zu den Draufgängern, optisch gesehen. Der Dackel, mit dem Otto unterwegs war, machte da schon einen forscheren Eindruck.

Dummerweise laufen Hunde meist nicht alleine durch den Wald. So auch Dackel und Otto. Die beiden Kumpels haben ein Frauchen dabei. Frauchen setzt sich auf die freie Bank, hält das Gesicht genießerisch in die Sonne und sagt: „Otto mag Sie.“

„Jo. Prima,“ denke ich mir und versuche das Trio zu ignorieren. Ich hatte da eben einen Gedanken am Wickel den ich nicht entkommen lassen wollte. Allerdings konnte ich ja nicht ahnen, daß der Gedanke Schützenhilfe vom einäugigen Otto bekommt, der Fluchthilfe leistet indem er quietscht. Ich dachte ja immer, Hunde bellen oder knurren aber daß die rostige Türangeln imitieren können war mir neu. Otto quietscht mich an, Frauchen strahlt mich hingegen begeistert an und ermuntert Otto: „Ja, sag mal Hallo zu deiner neuen Freundin!“

Otto hüpft wie ein Flummiball unter dem Tisch auf und nieder. Und quietscht weiter. Sein Frauchen stellt die Behauptung in den Raum, daß man ja so schönes Wetter nützen müsse da man ja nie wissen könne wie lange es anhalte und ob ich keine Angst hätte so als Frau hier alleine am See zu sitzen.

„Nö,“ brumme ich während Otto sich auf meine Füße kuschelt auf der Suche nach Körperkontakt. Der Dackel kommt derweil näher um mal zu untersuchen was da so abgeht, nicht daß Otto heimlich Leckerchen einheimst. So sitzen dann zwei Hunde unter dem Tisch zu meinen Füßen.

„Also, ich hätte Angst. So ohne die Hunde. Ich will ja auch wieder einen Großen haben. Die zwei Kleinen, die passen schon gut auf, aber Respekt hat vor denen eher niemand. Aber so ein Großer, ja so ein Großer, da steht dann keiner mehr plötzlich in meinem Schlafzimmer!“ erzählt sie munter. Ob ich es wissen will oder nicht. „Das war jemand vom Golfplatz, da könnt ich drauf schwören. Aber ich kann nicht sagen wer, ich hab ja keine Beweise und dann kriegen die mich nachher wegen Rufmord oder so. Und meine Hündin, die haben sie ja umgebracht. Beim Spazieren gehen. Hier am See. Da sollte ich wohl überfallen werden!“

„Ähm,“ mache ich. Der Dackel leckt mir die Wade ab und ich frage mich, womit ich diese Lebensbeichte provoziert haben könnte. Ich hab doch gar nix gemacht?

„Wissen Sie, das war nämlich so. Ich war hier abends mit der Hündin unterwegs. Tolles Tier, damit hätte ich jede Ausstellung gewonnen, die hatte Papiere und alles. Aber ich bin nie mit der auf Ausstellungen gegangen, damit die vom Verein nicht eifersüchtig werden. Da sind nämlich ein paar ganz Krasse dabei! Also ich bin hier so unterwegs, die Hündin so ein bißchen hinter mir und da überholen mich zwei Männer. Mit so Käppis und Kapuze, ich konnt da von hinten nix erkennen. Die hatten nix Gutes im Sinn, das war mir sofort klar. Und dann dreh ich mich rum und dann liegt da meine Hündin, alle Viere in die Luft, und jault,“ ihre Stimme kippt vor Aufregung ins Schrille.

Oh, oh“ gebe ich von mir. Der Dackel findet meine Wade offensichtlich sexy genug um sie bespringen zu wollen. Bevor er jedoch meine Strumpfhose vollends ruinieren kann geht Otto dazwischen und verscheucht den Dackel, leise knurrend. „Super,“ denke ich mir. „Ein spitzer Dackel, ein häßlicher Hund der sich für einen edlen Ritter hält und eine Person, die wirres Zeug erzählt. Ich wollte doch nur in der Sonne sitzen und nachdenken, hat ja suuuper geklappt …“

„Was ich mit dem Tier dann alles durch gemacht hab, das glauben Sie mir nicht. Über zweitausend Euro Arztrechnung und ich war mit der überall. Wirklich üüüberall. In jeder Tierklinik hier. Das ja auch jedesmal eine ziemliche Fahrerei. Aber da war zu spät, da konnt keiner mehr was machen. Der hat man die Rückenwirbel kaputt gemacht. Ich war sogar bei der Kripo, glauben Sie das? Aber die machen ja nix. Ist ja nur ein Tier. Und dann sitzt man da mit seiner Trauer alleine und die machen einfach nix. Können Sie sich das vorstellen? Da sollte ich überfallen werden und keiner glaubt mir, nicht mal die bei der Polizei! Kann man sich das vorstellen?“

„Öhm, nein?“ ich will die Person nicht noch ermutigen. Allerdings versage ich in dem Ansinnen und auch dezente Blicke aus der Kategorie „Geh. jetzt. sofort. weg!“ helfen mir nicht. So erfahre ich noch daß sie nicht in der Lage ist arbeiten zu gehen. Der Streß, gerade so zwischenmenschlich, damit käme sie gar nicht mehr klar. Da würde sie sofort krank werden, Burnout und so. Hätte ich bestimmt schon mal von gehört. Sie arbeite jetzt von Zuhause, wär auch viel besser. Gäbe ja keine Kollegen, die sie mobben. Da habe sie ja dann auch Zeit für einen großen Hund. Weil so ganz ohne, da würde sie sich nicht mehr sicher fühlen. Zur Not wäre ja auch ein Mann gut, so ein Mann im Haus würde bestimmt die Idioten abhalten, die plötzlich in ihr Schlafzimmer einsteigen wollen. Aber mit Männern hätte sie jetzt keine guten Erfahrungen gemacht, die seien alle Arschlöcher. Echt alle Arschlöcher. Da kann man drauf verzichten. Braucht keine Frau und wenn ich einen hätte, obwohl ich sähe nicht aus als wäre ich unglücklich, dann solle ich ihn am Besten schnell wieder loswerden. Ein Hund wäre echt besser.

Eine halbe Stunde lang ergießt sich so ein fremdes Leben in meinen Gehörgang während ein häßlicher, einäugiger Hund mich vor der sexuellen Belästigung meiner Waden bewahrt. Dann verabschiedet sich die Frau mit den Worten „Denken Sie an meine Worte, als Frau ist man alleine besser dran!“ von mir. Mit traurigem Blick läßt Otto mich zurück, allerdings nicht ohne sicher zu gehen daß der Dackel nicht heimlich zurück kehrt um seine finsteren Pläne bezüglich meiner Wade doch noch zum Erfolg zu führen.

Ehrlich, ich könnte schwören daß ich Otto habe denken hören als er mir den Rücken kehren mußte: „Alle irre hier.“

Jo, Otto. Du hast es erfaßt.

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