Dickens Festival in Deventer: Eine Zeitreise

„Make place! Make place for the watch! Move it, move it!“ ertönt es im Kommandoton und böse Blicke treffen meine Begleitung, die es nicht schnell genug aus dem Weg geschafft hat. An uns marschieren Männer in Uniformen aus längst vergangenen Zeiten vorbei, die Stiefelabsätze knallen auf das Kopfsteinpflaster. Ein paar Meter weiter sitzen zwei edel gewandete Herrschaften gemütlich zur Teatime zusammen und im Schaufenster läßt eine rüstige Lady mit Häubchen auf dem Kopf die Nadeln klappern. „Kohle zu verkaufen, Kohle zu verkaufen!“ rufen ein paar verschmutzte Bengels, deren Hosen aus mehr Flicken als Hose zu bestehen scheinen, die ehemals weißen Hemden haben auch schon bessere Zeiten erlebt. In einem Hauseingang drücken sich zwei bettelnde Kinder eng zusammen, vor sich eine Holzschale.

Ich bin in Deventer und gerade ganz tief abgetaucht in das viktorianische England um 1860. Die Zeit in der Charles Dickens lebte und seine großartigen Romane schrieb, die sich heute immer noch großer Beliebtheit erfreuen. Habt Ihr schon einmal etwas von Deventer gehört? Sagt jetzt bitte etwas, das man im besten Falle als Verneinung auslegen könnte. Dann komme ich mir nicht ganz so ungebildet vor weil ich vorher auch noch nie etwas von diesem hübschen niederländischen Städtchen gehört habe.

Nun gibt es viele hübsche Städtchen in den Niederlanden, was macht also dieses Städtchen so ungewöhnlich? Deventer ist eine vollkommen normale, kleine und unauffällige Ortschaft, so wie viele andere auch. Bis auf dieses eine Wochenende im Dezember, an dem verkaufsoffener Sonntag ist. Denn die Deventer Bürger machen nicht einfach nur die Läden auf, die Einwohner dieses hübschen Ortes haben sich vor zwanzig Jahren etwas Besonderes einfallen lassen um sich mit ihrem verkaufsoffenen Sonntag von anderen abzuheben.

Genauer war es eine Ladeninhaberin namens Emmy Strik, die nach sechs Tagen die Woche hinter der Ladentheke einfach keine Lust mehr hatte, sich auch am Sonntag noch hinter die Kasse zu klemmen. Wenn schon verkaufsoffen am Sonntag, dann doch bitte mit richtig Flair! Und weil Frau Strik großer Fan von Charles Dickens ist und sich die liebevoll restaurierten Häuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert im Bergkwartier als Kulisse anbieten startete sie mit 70 Mitstreitern etwas, das heute weit über hunderttausend Besucher in diese hübsche niederländische Stadt zieht. Das Dickens festijn Deventer.

Das was? Das Dickens Festival. Jedes Jahr im Dezember entführen die Deventer die faszinierten Besucher für ein ganzes Wochenende in das viktorianische England, die Welt des Schriftstellers Charles Dickens, und erwecken die Figuren seiner Werke zum Leben. Gut tausend Einwohner in Kostümen, von Kindern bis zu Senioren, sind mit Begeisterung und Liebe zum Detail dabei. Und es gibt sogar Schafe!

Auf die Idee gekommen dorthin zu fahren bin ich weil meine Begleitung mir ganz begeistert davon erzählte. Die kennt eine ganze Menge solcher coolen Veranstaltungen. Ich bin mir sehr sicher, die Worte „Das mußt du dir mal ansehen!“ sind ihrerseits gefallen und so kam der Plan auf den Tisch, gemeinsam dorthin zu fahren. Und weil ich manchmal mutiger bin als gut für mich ist habe ich meine DSLR zu Hause gelassen und stattdessen nach meiner erprobten Pentax ME gegriffen, sie mit einem Schwarzweiß-Film gefüttert und gehofft, daß das mal gut geht.

Also auf nach Deventer! Eine gute Autostunde später haben wir ganz einfach im Parkhaus in der Innenstadt geparkt und sind erst ein wenig durch die Läden gebummelt. Wie gesagt, verkaufsoffener Sonntag mit Markt. Zusätzlich zum Festival, zu dem der Zugang zum Bergkwartier ganz klassisch mit anstellen geregelt ist. Oder wie der Brite sagen würde „In England we queue!“

Sämtliche anderen Zugänge zum Viertel sind gesperrt, doch selbst die Wartezeit bis zum Einlass ist hochgradig amüsant und interessant. Dort stehen zwei Wächter mit Hellebarde sowie dazu gehöriger ernster Miene und regeln den Zugang. Dennoch wird dafür gesorgt daß man sich nicht langweilt beim Beine in den Bauch stehen. Sei es, daß die Kapelle vorbei marschiert, der Briefträger für einen Schwatz anhält, ein paar leichte Mädchen versuchen den Kerlen schöne Augen zu machen, Zeitungsjungen die Nachrichten der Festival-Zeitung verkünden oder die stadtbekannten Taugenichtse besoffen durch die Wartenden taumeln.

Hat man die Wächter mit der Hellebarde erst einmal passiert, dann geht es auf Zeitreise. An jeder Ecke, in jedem Schaufenster, an jedem Haus gibt es etwas zu entdecken. Die Figuren aus Dickens Romanen werden auf so liebevolle Weise zum Leben erweckt daß ich mich gar nicht satt sehen kann. Ich bin schockverliebt in das, was die Menschen dieser Stadt gemeinsam auf die Beine stellen. Im Übrigen sieht man dort, abgesehen von den Walking Acts, nirgendwo Polizei. Einzig freiwillige Ordner in grünen Westen, ausgerüstet mit Funkgeräten, stellen sicher daß die Gassen nicht zu überlaufen sind, niemand die Absperrung zur Außenwelt abreißt und dienen als Ansprechpartner für etwaige Probleme. Die Atmosphäre ist entspannt obwohl es recht voll ist, es wird nicht gedrängelt und geschubst. Sehr, sehr angenehm.

Als wir nach zwei, drei, vier, ich weiß nicht wie vielen Stunden auf der anderen Seite den Ausgang passieren habe ich den Kopf voller wunderbarer Eindrücke und Momente. Von denen ich hoffe, ein paar davon auf Film eingefangen zu haben.

Auf dem Marktplatz essen wir noch eine Kleinigkeit und meine Begleitung besteht darauf, noch einen „Koffie op Kolen“ zu trinken. Da ich keinen Kaffee trinke glaube ich ihr einfach mal daß das verdammt guter Kaffee ist und bewundere stattdessen die abgefahrenste Kaffeemaschine die mir je untergekommen ist. Das ist keine kleine Lok auch wenn sie so aussieht. Das ist eine Dampfmaschine, mit der man Kaffee kochen kann.

Der freundliche junge Mann, ein schon seit Jahren in den Niederlanden lebender Deutscher, erklärt uns geduldig die Funktionsweise der Maschine und wie man auf die Idee kommt, so etwas überhaupt zu bauen. Die Jungs sind mit dem Traum aller kaffeetrinkenden Steampunker auf vielen Märkten in den Niederlanden unterwegs, vielleicht habt Ihr Glück und Ihr trefft sie mal. Wer keinen Kaffee mag, das dampfende Ungetüm kann auch Kakao!

Und, sehen wir uns 2017 im Dezember in Deventer? Fahrt dahin! Begebt Euch auf Zeitreise und entdeckt die Welt von Charles Dickens. Ich möchte auf jeden Fall dieses Jahr wieder dorthin und freue mich jetzt schon. Wann ist endlich wieder Dezember?

6 Gedanken zu „Dickens Festival in Deventer: Eine Zeitreise“

    1. Wenn ich mich nicht irre jedes Jahr am letzten Wochenende vor Weihnachten. Ich werde versuchen daran zu denken – ich habe mir eine Erinnerung in den Kalender eingetragen damit ich nicht vergesse Anfang Dezember nach dem Termin zu schauen 🙂

      Liebe Grüße,
      Mirtana

  1. ach das ist aber eine schöne Veranstaltung! und deine Fotos sind auch sehr gelungen! leider nur ist Holland so weit weg von hier…
    liebe Grüße!

    1. Vielleicht einen ganzen Wochenendtrip dafür einplanen? Es gibt bestimmt schöne Hotels in Deventer 😉

      Liebe Grüße,
      Mirtana

  2. Was für eine schöne Zeitreise !
    Dazu die Fotos in schwarzweiß, sehr passend !
    Das wäre auch was für mich,

    LG Christa

    1. Ich hab mich auch echt gefreut daß der Film was geworden ist – den Ilford XP2 super 400 habe ich vorher noch nie benutzt, aber er gefällt mir von der Anmutung her ziemlich gut. Und er paßt zum Thema 🙂

      Liebe Grüße,
      Mirtana

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