Die Stimmen in meinem Kopf

Die Stimmen in meinem Kopf.

Wunderbares Frühlingswetter. Warm, Sonne satt und überall blüht es. Das perfekte Wetter um mit dem Cabrio ins Blaue zu fahren. Wenn, ja wenn … Mein kleines blaues Auto nicht beschlossen hätte es wäre jetzt mal an der Zeit für einen neuen Auspuff. Hmpf. Wenn das Gefährt mehr so klingt wie ein altersschwacher Trecker kurz vorm Zusammenbruch, den ich selbst durch meine laute Musik noch hören kann, dann macht die Geschichte mit dem ohne Dach fahren keinen wirklichen Spaß mehr. Und am Feiertag kriege ich keinen neuen Auspuff her gezaubert, geschweige denn das Ersatzteil ans Auto.

Dennoch soll das schöne Wetter nicht ungenutzt bleiben. Also entführe ich kurzerhand Cookies Captain blaue Wolke und fahre ohne festes Ziel los. Ich mache das oft, einfach so ins Blaue fahren und mal schauen was ich so finde. Dabei laut Musik hören und, ganz wichtig, mit singen. Ja, ich singe beim Autofahren. Wenn mich sonst keiner hören kann. Weil ich nicht wirklich gut singen kann, ich treffe alle andren Töne aber nie die richtigen. Was mich nicht daran hindert, gerne zu singen – wenn ich eben allein bin.

Ich bin häufig alleine. Schlimmer noch, ich bin ab und zu auch noch echt gerne alleine und für mich. Und sei es nur, damit ich endlich die Stimmen in meinem Kopf besser hören kann? Nein, ich bin gerne alleine weil ich dann nicht auf andere Menschen reagieren, mit ihnen reden und interagieren muß. Wobei ich Menschen wirklich mag. So an sich. Ich halte Menschen auch nicht per se für schlechte Wesen, sondern für spannend und interessant. Ich hab gerne mit Menschen zu tun. Nur halt nicht vierundzwanzig sieben. Ab und zu brauche ich Alleine sein um es zu genießen und die Batterien wieder aufzuladen.

Als ich vor ein paar Wochen mit Alltäglicher Wahnsinn in Essen auf ein, zwei, drei Drinks unterwegs war unterhielten wir uns über das Alleine sein und Freundschaft. Unter anderem. Und sie fragte mich, so sinngemäß, warum ich denn so wenige Freunde hätte die auch in der Nähe wohnen. Tja. Gute Frage. Genau genommen eine so gute Frage, daß ich darauf in Gedanken seit Wochen herum kaue wie ein Hund auf seinem Lieblingsknochen. Neben dem ganzen anderen Driss wie Alltag, schlechte Nachrichten und zu wenig Schlaf.

Und dann sitze ich da so schön in der Sonne am Kanal und denke nach während eine Truppe Herren mit Bollerwagen nach der anderen an mir vorbei zieht. Ich werde dreimal „Schätzchen“, einmal „Mäuschen“, einmal „Hase“ genannt und bekomme zweimal Bier, einmal Wodka und einmal Feigling angeboten. Wildfremde Menschen setzen sich zu mir und unterhalten sich ein paar Minuten mit mir. Das passiert mir nicht nur am Vatertag, das passiert mir regelmäßig. Manchmal sind da echt schräge Typen mit bei, die ich auch gar nicht noch mal treffen möchte.

Ich kann mich durchaus mit anderen Menschen unterhalten, keine Frage. Auch weit über den üblichen Wetter-Smalltalk hinaus. Selbst meine Panik vor größeren Gruppen kriege ich früher oder später in den Griff. Veranstaltungen mit mehr als fünf Leuten, die ich alle nicht kenne? Neuer Arbeitsplatz? Sportstudio? VHS-Kurs? Viele Menschen, die ich alle noch nicht kenne, und ich soll mich denen vorstellen?

Oh. My. Fucking. Goodness.

Die Vorstellung alleine drückt mir schon sämtliche Panik-Knöpfe und dreht mir die Stimmen in meinem Kopf auf volle Lautstärke. Aha! Sie hört also tatsächlich Stimmen! Das erklärt so einiges … Natürlich höre ich Stimmen. Diese Stimme zum Beispiel, die mir in diesen Situationen immer erzählt was ich alles nicht bin.

Nicht gut genug. Nicht interessant, interessiert, witzig, angenehm, lustig, freundlich, nett, liebenswert, offen, kompatibel, kreativ … genug. Diese Liste läßt sich beliebig erweitern, die Stimme in meinem Kopf ist da sehr einfallsreich und paßt sich an jedwede Situation an.

Dabei ist das dezenter Bullshit. Müssen wir nicht drüber diskutieren, ist uns allen klar. Allerdings bin ich so sehr mit diesem Bullshit beschäftigt daß ich es nicht mal checke wenn andere Menschen daran interessiert sind mit mir Zeit zu verbringen oder, welch abwegiger Gedanke, sich gar mit mir anfreunden wollen. Wie dämlich ist das bitte? Statt sich zu freuen lieber mit Entsetzen zu fragen was das bitte soll und ob da niemand besseres, netteres, interessanteres, witzigeres etc. unterwegs ist mit dem sich mein Gegenüber anfreunden kann.

Mich für nicht gut genug zu halten um die Aufmerksamkeit, Freundschaft und Zuneigung anderer Menschen zu verdienen, das mache ich seit zwanzig Jahren. Einer der Gründe, warum mir Freundschaften pflegen ziemlich schwer fällt. Wenn ich mir ständig einrede ich ginge meinem Gegenüber auf die Nerven wenn ich frage ob jemand mit ins Kino, an den See, nach Holland oder weiß der Geier auf was für Unternehmungen will. Dann lieber gleich sein lassen. Geh ich niemandem mit auf die Nerven, mit dem sein lassen, und kassiere keine Abfuhren. Ich frage nur wenn ich die Antwort schon kenne. Oder meinen Gegenüber besser kenne als mich selbst. Paradox. Meine Freundschaften funktionieren so gut weil nicht ich die treibende Kraft dahinter bin.

Schon eine ziemlich bittere Kiste, diese Erkenntnis daß ich seit der Pubertät in der Hinsicht offensichtlich nicht so sehr weit gekommen bin. Ich habe kein Problem damit, anderen Menschen auf die Füße zu steigen, meine Meinung und Ansichten zu vertreten, anderen nicht mehr nach dem Mund zu reden und schlicht nicht mehr everybody’s darling sein zu müssen. Aber ich drücke mich regelmäßig davor auf die Menschen, die ich echt mag und die ich gerne in meinem Leben habe (oder hätte), zuzugehen und zu fragen „Hey, Bock auf Unternehmung?“ Ganz zu schweigen davon daß ich es nicht mal kapiere wenn mir jemand das Angebot von Freundschaft macht oder ich die Leute gleich mal prophylaktisch mindestens drei Armlängen auf Abstand schiebe.

So schwer kann das doch nicht sein. Oder? Schließlich bin ich kein deprimierter Teenager mehr sondern zwanzig Jahre später so etwas wie eine gestandene Mittdreißigerin. Sollte ich das nicht also allmählich mal auf die Kette kriegen nicht mehr auf die negativen Stimmen in meinem Kopf zu hören?

7 Gedanken zu „Die Stimmen in meinem Kopf.“

  1. Danke für diesen Text und die treffenden Worte. Den hätte ich schreiben können.

    Mir fällt es deswegen zum Beispiel auch schwer, regelmäßig zum Blogowski-Stammtisch zu gehen. Obwohl ich schon einige von euch kenne.

    Es ist nicht so, dass es mir damit unsagbar schlecht geht oder ich einsam bin. Gar nicht. Ich bin auch gerne für mich, aber manchmal, ja, da denkt man schon, ein bisschen offener bzw selbstbewusster wäre schön.

    Eine Lösung kann ich dir daher leider nicht anbieten. Nur sagen: Du bist nicht allein. Und: lass uns bald nochmal zum See fahren oder nach Holland 🙂 Das war schön mit dir.

    1. Zu meinem ersten Blogowski-Stammtisch wäre ich beinahe gar nicht gegangen, ich hab bis kurz vorm Laden überlegt ob ich wieder nach Hause fahren soll. Der war bei Sandra im Laden und mit gefühlt allen Blogowski-Mädels. Also echt mal ganz viele Menschen, die ich nicht kannte 😉

      Das mit dem See oder Holland ist eine gute Idee. Hast Du noch meine Handy-Nummer? Dann meld Dich einfach wenn Du Zeit hast und das Wetter paßt, es kommen ja noch ein paar freie Tage und kurze Wochen auf uns zu. Ich freue mich auf eine Wiederholung <3

      Liebe Grüße,
      Mirtana

  2. ooohhhh! ja! das kenne ich! und dann kommen da trullas bei denen man dachte, sie würden einen mögen und man wäre befreundet, und egal was man wann vorschlägt es wird ausgeschlagen. und danach wird es nochmal wieder schwerer. äh, ja.

    ich habe hier genau eine richtig gute Freundin, und eine in Bremen. Die hier, die ist so kompliziert, dass sie froh ist, wenn ich sie trotzdem mag, und die in Bremen, nun, die kenne ich schon seit 14 Jahren. Alles danach war entweder oberflächlich – ich kann keinen Smalltalk und die Leute gehen dann wohl direkt wieder, oder ich hab die Signale nicht verstanden, oder was weiß ich.

    Was ich eigentlich sagen wollte: Ich kenne das. Ich kann es gut nachvollziehen, wie es dir damit geht. *drück*

    schade, dass wir so weit auseinander wohnen 😀

    1. schade, dass wir so weit auseinander wohnen

      Exakt das habe ich ebenfalls schon so oft gedacht. Wir lesen uns schon sooo lange und waren noch nie Kaffee trinken. Oder Kakao. Oder Tee. Mit einem Stück lecker Kuchen. Oder Waffeln. Oder vielleicht Eis – so angesichts des schönen Wetters draußen.

      Smalltalk ist auch nicht so meins, mir merkt man sehr schnell an daß es mich langweilt. Ich bin unglaublich neugierig, ich will immer wissen mit wem habe ich es da eigentlich zu tun, wie tickt der oder die, was macht der Person Spaß, wofür brennt sie und was mag sie gar nicht. Da kommt man mit „Wetter“ und „Ja, ist zu warm, zu kalt, zu nass, zu trocken, zu windig, zu grau, etc.“ nicht wirklich weiter.

      Mich bringen vor allem Menschen aus dem Konzept, deren Körpersprache mal so gar nicht mit dem übereinstimmt, was sie sagen. Welchem Signal glaubt man da? Dem gesprochenen, netten Wort oder aber der ablehnenden Körperhaltung? Ist mir übrigens auch schon sehr oft passiert, das mit den Trullas (oder Kerlen …) von denen ich dachte, sie wären mit mir befreundet. In meinen Fällen hielt das dann so lange wie ich nützlich war. Menschen sind halt manchmal einfach komisch.

      Liebe Grüße,
      Mirtana


  3. 🙂
    😉
    😀
    !!!
    $$$

    So – mein Beitrag. Nicht oberflächlich, sondern tiefgründig und verschlüsselt. Spätestens wenn Du demnächst hier bist und Tee mit Kuchen mit mir schlemmst und am Strand mit mir Angespültes sammelst, wirst Du verstehen 😉

    😀

  4. Die Stimmen kenne ich, wenn sie nicht bei Dir unterwegs sind, kommen Sie zu mir rüber… ich kann sie nur oft genug rausschmeissen, aber die Mistdinger sind hartnäckig, denn wenn ich vergesse gute Laune zu haben oder voller Energie irgendwas zu machen, dann sind sie da und lauern mir auf.

    Was machst Du morgen?

    Lg

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