Einmal Berlin, bitte!

Freitag, die Uhr zeigt kurz nach Sechs. Wenn ich denn darauf schauen würde und nicht hektisch aus dem Bett springen und planlos chaotisch durch die Gegend wuseln würde im festen Glauben, ich hätte verschlafen. Ich glaube, ich habe geträumt, daß ich verschlafen hätte. Der Irrtum fällt mir auf, als ich hektisch die Rolladen nach oben zerre und mich frage, seit wann es vormittags noch dunkel draußen ist. Tief durchatmen, auf die Uhr schauen und noch eine Stunde ins Bett kuscheln bevor es heißt: waschen, packen, warten. Der einzige Mensch, der immer pünktlich vor dem Haus steht wenn er mich abholen soll, ist auch dieses Mal pünktlich. Bis auf einen Stau freie Fahrt und die Unterhaltung mit der anderen Mitfahrerin auf der Rückbank ist angenehm bis sehr lustig – gleiche Wellenlänge eben.

Ein Mädel irgendwo in Berlin absetzen, eine Hotellobby inspizieren und gefühlte fünf Kilometer vom Restaurant Zoe parken. Anderthalb Stunden später darf ich dann endlich meine Gastgeberin kennen lernen. Lebend übrigens. Eine warme, herzliche Frau, in deren Gegenwart ich mich sofort wohl fühle. So kommt es, daß der Unkreative uns vor ihrer Praxis absetzt und wir „nur eben“ noch einen Tee trinken wollen. Aus einem Tee werden mehrere und wir unterhalten uns bis kurz vor zwei. Ein sehr interessantes Gespräch und jemand, der uns zugehört hätte, wäre vermutlich nicht auf die Idee gekommen, daß wir uns zum ersten Mal gegenüber sitzen. Vielen Dank dafür, Du hast mir einiges klar gemacht. Und ich bin ganz verliebt darin, wie Du mit diesem schönen französischen Akzent „Mirtana“ sagst 😉

Der nächste Morgen kommt viel zu schnell, das Handy klingelte mich wach und im Halbschlaf drückte ich Mauzi erst einmal weg. Irgendwie komme ich doch noch aus dem Bett, Mauzi kriegt mich auch am Telefon und lotst mich per Handy durch die Stadt zum Treffpunkt. Am U-Bahnhof, wo ich in die nächste Linie umsteigen sollte, stellen wir dann fest, daß wir uns beide dort befinden und nach ein bißchen herumirren finde ich auch den Weg durch das unterirdische Labyrinth. Wir begeben uns zur Museumsinsel, laufen über einen Künstlermarkt, streifen durch Museen, bewundern den Fernsehturm aus verschiedenen Perspektiven, gehen lecker chinesisch essen und verwerfen den Plan, den Springbrunnen aus dem Chinarestaurant zu entwenden, lachen und quatschen miteinander. Noch eine Tasse Tee, ein wenig frisch machen und dann von Wedding zum Treffen fahren. Meine Füße fühlen sich an als ob sie einem großen, grauen Tier mit Rüssel gehören würden.

Meine Füße sind mir sehr dankbar, daß sich mein restlicher Körper auf einem Stuhl niederläßt. Jean-Claude (hab ich das jetzt richtig geschrieben?), der Besitzer des kleinen Etablissement in dem wir uns treffen, erklärt das Baukastensystem mit den drei Menüs und da ich als verfressene Deutsche mit viel Hüftspeck größere Portionen gewöhnt bin, behelfe ich mir schlicht und ergreifend mit einem zweiten Stück Käsekuchen zum Nachtisch und satt werden. Sehr skeptisch versuche ich es mit der Entenleber, die irgendwie gar nicht nach dem Zeug schmeckte, das mir in meiner Kindheit unter dem Begriff serviert wurde. Gut schmeckt es, wenn auch ungewohnt (wir erinnern uns? Verfressene Deutsche und so?) wenig auf dem Teller.

Es ist nett und aufschlußreich, alte Gesichter wieder zu sehen und neue Gesichter kennen zu lernen. Sehr schön, daß wenigstens noch ein Rollenspieler am Tisch sitzt, mit dem man sich in Fachchinesisch unterhalten kann. Von Marcel erfährt man einiges von dem Warum und Wieso das mit der Meinungsfreiheit in Deutschland nicht mehr so ganz zu funktionieren scheint. NBerlin mag ich auf Anhieb und bewundere heimlich die Art und Weise, wie sie ihr Leben meistert (und diese schönen, lockigen Haare). Viel zu kurz, auch wenn die letzten, zu denen zwei Berliner, zwei Nordlichter, ein Münsteraner und ein Ruhrgebiet-Rheinland Abklatsch gehören, um halb vier oder so mehr oder weniger aus dem Laden gefegt werden. Oder höflich ausgedrückt: wir gönnen dem armen Jean-Claude seinen wohl verdienten Feierabend. Und um kurz nach vier endlich: mein Schlafsack.

Ich muß das mit dem Früh-Aufstehen hinbekommen haben, denn als Mauzi und die Anfängerin klingeln, hänge ich kopfüber im Waschbecken und habe Shampoo in den Haaren. Noch eine Tasse Tee für die beiden Damen, Shampoo aus den Haaren waschen und dann gehen wir gemeinsam frühstücken. Das Fitneß-Frühstück sieht gesund aus und scheint vor Vitaminen zu strotzen, so wirklich fit macht es mich allerdings nicht. Es lag bestimmt daran, daß mir Mauzi mein Vollkornbrötchen mopst. Die Anfängerin macht sich auf den Weg zum Bahnhof, kurz darauf auch Mauzi und ich beschließe kurzerhand, die zwei Stunden bis mich der Unkreative wieder einsammelt für die Rückfahrt, mit Schlaf zu vergeuden. Todmüde aber glücklich lasse ich mich vor meiner Haustüre absetzen, schaue noch kurz „Findet Nemo“ und erzähle in Stichworten das Wochenende bevor ich in mein Bett schlurfe und lange schlafe.