Frau Mirtana will eine Hose kaufen.

Das war der Plan, der ursprüngliche. Denn Sport treiben hat den interessanten Effekt daß mein Körper sich verändert. Sehr langsam und gemächlich doch das macht ja nichts. Nun ist es natürlich schön für mich wenn meine Hosen nicht mehr kneifen, da sitzt es sich ja auch angenehmer. Weniger schön ist die Tatsache daß ich so gut wie keine Hose mehr habe die nicht rutscht. Das macht das Bewegen von A nach B etwas ungemütlich wenn ich mir alle drei Meter die Hose hochziehen muß. Oder wenn ich auf der Treppe vor der Wahl stehe entweder die vollgepackten Einkaufstüten fallen zu lassen oder aber die Hose davor zu bewahren einen Abgang in Richtung Kniekehlen zu machen. Keine schöne Wahl wenn man empfindliches Gut in den Einkaufstüten hat …

Gut, ich könnte einen Gürtel tragen. Doch auch ein Gürtel ändert nichts an der Tatsache daß die Hosen nicht nur rutschen, sie schlabbern auch. So am Oberschenkel und am Hintern. Und ich finde, so blöde vor sich hin schlabbernde Hosen sehen an mir scheiße aus. Und weil ich mich nicht wohlfühle wenn ich meine ich sähe scheiße aus dachte ich mir bin ich Fuchs, kaufe ich neue Hosen die kleiner sind und somit besser passen. Soll ja Geschäfte geben, die haben so viel davon daß sie es verkaufen müssen … Gut sitzende Hosen mit weitem Bein mag ich kaufen. Ich bin da echt nicht anspruchsvoll. Also bin ich frohen Mutes los gezogen um mir ein, zwei neue Hosen zu kaufen.

Geschissen. Anscheinend glauben Hersteller von sogenannten Übergrößen daß Frauen ab Kleidergröße 42  nicht größer als ein Meter fuffzich seien. Ich möchte gerne Hosen haben die nicht kurz nach den Knien enden denn ich bin immerhin etwas um die eins siebzig und ich habe lange Beine. Wirklich lange Beine. Ich möchte auch keine Hosen haben die so eng sitzen daß mir beim Anprobieren blümerant wird. Ich möchte auch keine Hosen haben in denen ich einen von Drillingen bewohnten Bauch in der vierzigsten Schwangerschaftswoche unterbringen könnte. Ich möchte auch keine Hosen haben, die neben erwähntem überflüssigen Platzangebot am Bauch dafür mit Material im Wadenbereich sparen. Wenn ich Thrombosestrümpfe brauche ziehe ich Thrombosestrümpfe an, keine als Thrombosestrumpf getarnte Hose. Punkt. Ich möchte auch keine Hosen haben die irgendwo auf Hüfte geschnitten sind und die mir unter den Arsch rutschen wenn ich mich setze. Sieht scheiße aus wenn der Allerwerteste aus der Hose hängt und im Winter kühlt die ganze untere Rückenfront dann sehr schnell aus.

Ich möchte einfach eine Jeans haben, die meinen Arsch auch dann noch bedeckt wenn ich mich hin setze, die am Bauch paßt und die ein gerades oder ausgestelltes Bein hat. Gefunden habe ich eine ganze Menge Hosen. Gepaßt hat mir keine so wirklich und gefallen schon mal gar nicht. Da steh ich da also, bin frustriert und da fällt mein Blick auf einen Rock.

Moment. Ich trage keine Röcke. Das sag ich dem Rock auch. Also gedanklich, sind ja noch andere Menschen anwesend in dem Laden und ich werde auch so schräg genug angeschaut ohne verbal mit namenlosen Textilien zu kommunizieren. Nur weil ich mich ab und an mit dem Gedanken trage ob es nicht sinnvoller wäre vielleicht Röcke zu kaufen weil die Erfolgsquote bestimmt höher sei etwas passendes zu finden heißt das noch lange nicht daß ich wirklich welche anziehe. Und damit auch noch in der Öffentlichkeit herum laufe.

Ich bin ein Jeanskind. Ich trage Hosen. Also ignoriere ich den Rock und gucke weiter. Irgendwie schafft es dieser Rock trotzdem, sich unter die Hosen zu mogeln die ich in der wilden Hoffnung – die stirbt ja bekanntlich immer als Letzte – in die Umkleidekabine schleppe. Keine der Hosen paßt, irgendwas ist immer. Da sitze ich in dieser Kabine, um mich herum Hosen mit denen ich mich nicht anfreunden kann, bin ohne Ende frustriert, möchte weinen, auf den Arm und ein Schokoladeneis gleichzeitig und habe einen grauen Rock in der Hand.

„Komm schon. Anprobieren schadet nichts. Du kannst mich immer noch weg legen und beschissener als die Hosen kann ich auch nicht an dir aussehen. Hier sieht dich auch keiner.“ Sagt der Rock zu mir. An dem Punkt ist mir klar, ich hab sie nicht alle. Ich höre Textilien zu mir sprechen. Aber Recht hat er ja, der Rock. Es sieht mich ja keiner und wenn es scheiße aussieht wissen nur der Rock und ich das. Ich zähle darauf daß der Rock nichts verraten wird.

Dann stehe ich da. In Socken mit Löchern und einem sehr schäbigem blauen Fleck am Knie, schön im grellen Umkleidekabinenlicht. Unterhalb des Bauchnabels bekleidet mit einem Rock. Einem kurzen Rock. Gut, wäre ich eins fuffzich dann ginge er mir bis zu den Waden. So reicht er knapp bis an die Knie.

„Und?“ fragt der Rock. „Sieht jetzt scheiße aus oder gefällt dat dir?“ Ich gucke in den Spiegel, zuppel den Rock zurecht und sage „Weiß nicht, bin mir noch nicht schlüssig …“ zu meinem Spiegelbild. Von der anderen Seite des Kabinenvorhangs fragt jemand freundlich zurück ob man mir helfen könne. Prima. Direkt wieder bleibenden Eindruck hinterlassen. Ey, guck mal. Da ist die, die mit dem Rock spricht!

Ich dreh mich so ein bißchen, guck mich so an und stelle sehr erstaunt fest, daß ich das mag. So mich im Rock jetzt. Trotz Knubbelknie und Stempelwaden. „Ich glaub, dich kauf ich. Scheiß doch auf die blöden Hosen,“ sage ich zum Rock, leise in Gedanken. Ich bin doch ein Jeanskind, an mir sehen Röcke scheiße aus. Dachte ich doch immer. Haben doch immer alle gesagt. Dicke Frauen in kurzen Röcken sehen scheiße aus. Wer zur Hölle sind alle und wieso interessiert es mich was die zu den Textilien an meinem Körper sagen? Wenn ich Rock anziehen will dann zieh ich Rock an beschließe ich und begucke mich noch einmal stolz. Ich, kleiner runder Mensch mit Knubbelknie und Stempelwaden kaufe mir jetzt einen Rock. Basta.

Und weil es so schön war, habe ich gleich noch einen zweiten Rock gekauft. Echt jetzt. In Jeans und kurz. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein wenn Frau Mirtana Blusen kaufen will. Einfache, einfarbige Blusen in Größe 50/52 ohne Blümchen, Getüddels, Rüschen, Glitzer, Flitter und Puffärmelchen …

6 Gedanken zu „Frau Mirtana will eine Hose kaufen.“

  1. ich schalte das nächste Mal ganz sicher wieder ein, denn ich habe mich köstlich amüsiert…
    Aus einem ähnlichen Grund bin ich vor vielen Jahren mal auch bei Röcken gelandet!!!
    Und einen langen Jeansrock solltest Du mal ins Auge fassen ^^

    1. Ich habe einen langen Jeansrock 😉

      Den habe ich mir vor ein paar Jahren mal für irgendeine Feier gekauft. Und exakt einmal angezogen, danach hing er im Schrank, so ganz hinten in der Ecke und sehr unbeachtet. Dummerweise paßt er mir noch nicht (wieder), der sitzt recht spack und schnürt so ein bißchen die Luft ab. Vielleicht nächstes Frühjahr wenn der Sport mich weiter so verändert.

  2. Also ich versteh das voll und ganz. Geht mir irgendwie ähnlich 😉

    Ich hab mir letztens auch 2 Kleider gekauft 🙂 dabei ziehe ich eigentlich auch nur Jeans an. Aber dann hatte ich das rote an zu unserer Geburtstagsfeier, und nicht nur ich hab mir in dem Kleid geflalen :)))

    Wir werden dann eben doch noch femininer mit der Zeit 😉

    Fühl dich mal geknuddeldrückt
    Elke

    1. Ich denke es ist mehr als nur „femininer werden mit der Zeit„. Es hat mehr mit selbst auferlegten Beschränkungen und einem verschobenen Selbstbild zu tun. Beides verändert sich und das ist nicht ganz einfach für mich 🙂

  3. Ich hab auch immer Mühe beim Hosenkauf. Von der Hüfte her müssen sie breit genug sein, auch von den Oberschenkeln her, aber meist ist dann die Taille zu weit, sodass der Hosenbund am Rücken doof absteht. Und zu lang sind mir eh alle Hosen.
    Aber: Ich kaufe Jeans seit ein paar Jahren praktisch nur noch aus der Herrenabteilung. Ich hätts nicht gedacht, da ich schon eher eine weibliche Form habe. Ich hatte auch so eine Odysse mit zig Hosen anprobieren und der Verzweiflung nahe. Da hatte ich mir gedacht, es wär ein letzter Versuch wert. Und die Jeans haben echt teils wie angegossen gepasst!
    Vielleicht startest Du noch mal einen Versuch in der Herrenabteilung, und lang genug sollten diese Hosen da auch sein… ;o)
    Aber Rock ist auch toll! Wünsche Dir viel Freude und rock on… :o)

    1. Aha, interessant. Muß ich mich in der Tat mal umsehen wenn ich beim nächsten Mal wieder Hosen kaufen gehe – in hoffentlich nicht allzu naher Zukunft, für den Moment habe ich genug vom Klamotten kaufen 🙂

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