Sonst gehts Euch gut?

Während ich so tue, als würde ich mal wieder aufräumen, läuft im Hintergrund der Fernseher. Magersüchtige Polinnen hopsen durch ein Büro und lassen eine häßliche Alte mit einem Maßband an sich herum fummeln. Wie ein Verkehrsunfall, da kann man auch nicht wegschauen. Und dann sagt dieses häßliche Schrapnell zu einer dieser Schönheiten, an der man ausnahmsweise mal nicht die Rippen zählen kann, ihre Beine wären zu stämmig, daran müsse sie noch arbeiten. Ja nee, iss klar. Die Zahnstocher da sind zu stämmig … Was für ein bescheuertes Business … Komisch nur, daß wir das wohl offensichtlich sehen wollen. Wer auch immer mir die Fähigkeit mitgegeben hat, aus dem mir gegebenen das Beste zu machen – ist wohl auch dafür verantwortlich, daß ich nie auf die bescheuerte Idee gekommen bin, mir den Finger in den Hals zu stecken oder mich zu Tode zu hungern. Den armen Mädels da im Fernsehen würd ich am liebsten mal ein vernünftiges Essen spendieren …

Der rosa Brief

Ich zog heute einen Brief im schick altrosa Umschlag aus meinem Briefkasten. Als ich noch zur Schule ging, war das jetzt die Zeit der blauen Briefe. Von denen ich fast jedes Jahr einen bekam, immer für ein anderes Fach, das mich im vergangenen Halbjahr unsäglich gelangweilt hatte. Nun gehe ich nicht mehr zur Schule und der Brief war nicht blau, sondern altrosa.

Er kam von der Staatsanwaltschaft Landshut. Ich war noch nie in meinem Leben in Landshut, was wollen die also von mir? Er war auf alle Fälle gut zugeklebt, der altrosa Umschlag. Beim ersten Lesen war ich etwas verwirrt. Beim zweiten Lesen fiel mir ein Name auf, mit dem dann auch die Erinnerung wieder kam. Da war doch was? Na gut, dann ist da jemand mit einem blauen Auge davon gekommen und für Privatklagen habe ich weder den Nerv noch das Geld. Die Mühlen der Bürokratie mahlen eben langsam und ich werde vergesslich. Dann kann ich das ja jetzt wegheften und endgültig vergessen.

Ohne Titel

Eine Stunde später. Ich krabbel aus dem Bett, wecke das Notebook aus dem Standby-Betrieb, klemme mir die Kopfhörer auf die Ohren, mache Klassik-Radio an und quäle meine Tastatur. Ob ich im Dunkel an die Decke oder auf ein Display starre macht da auch keinen großen Unterschied mehr. Irgendetwas zerrt an mir und mit dieser inneren Unruhe läßt es sich schwer einschlafen.

Nun, meinen Wach-Schlaf-Rhythmus hab ich die letzten Tage ohnehin schon vollkommen ruiniert und wenn ich denn mal einschlafe, dann reicht es gleich für zehn, zwölf Stunden. Irgendwo unter meinen Urahnen muß sich ein Bär befinden, anders kann ich mir diese Attacken von Winterschlaf auch nicht erklären.

Wenn ich so im Bett liege, die Decke anstarre und darauf warte, daß sich Gevatter Schlaf in meine Laken verirrt, frage ich mich, was ich von all dem halten soll. Ohne Antwort auf eine Frage bleibt nur das Reich der Spekulationen. Genau das kann ich gut, spekulieren und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich wütend oder aber verletzt sein soll, weil ich keine Antwort bekomme.

Es fühlt sich an, als ob mir etwas fehlt. Hab ich die letzten Tage irgendwo einen Teil meiner Emotionen verlegt? Ich stehe in der Küche und denke nach. Ist ja nicht so, daß ich das die letzten Tage nicht permanent tue. Fast automatisch greift meine Hand nach dem Glas mit dem Earl Grey. Der Geruch erinnert mich an etwas und das Ziehen in der Brust wird stärker. Da war doch was? Earl Grey zählt nicht mal zu meinen Favoriten, ich trinke den nur sehr selten – meist dann, wenn dieses Ziehen sich wieder in meine Brust schleicht.

Beide Hände umfassen meine Teetasse. Noch zwei Tage, dann werde ich eben auf die Suche gehen. Und ich werde finden, was ich haben will. Denn es gibt eine Antwort, egal wie furchtbar sie sein mag. Und ich will sie hören.