Raindrops keep falling

Raindrops keep falling on my Head.

Ich denke nach während ich auf die ständig wieder aufleuchtenden Bremslichter meines Vordermannes starre. Der Regen prasselt auf mein Verdeck, hört sich dabei an als würden viele kleine Hände auf eine große Trommel schlagen. Anfahren, rollen lassen, bremsen, fünf Meter weiter gekommen. Yeah. Vor mir liegen noch über dreihundert Kilometer. Es gießt in Strömen und der Rückreiseverkehr staut sich die A1 hinunter. Hinter mir liegt Hamburg, vor mir liegt der Ort, an dem ich zu Hause bin. Noch dreieinhalb Stunden Fahrtzeit, berechnet mir die Navigation in meinem Handy. Optimistisches Ding, diese Navigation.

Super. Ich sitze seit bereits zwei Stunden im Auto und bin noch keine hundert Kilometer weit gekommen. Mein kleines blaues Auto hat mittlerweile sämtliche Schwimmabzeichen, vom Seepferdchen bis zum Goldenen Freischwimmer, mit Bravour und Lobeshymnen absolviert. Es regnet in Strömen, ich stehe auf der Autobahn und ich denke nach.

Über das Loch, das sich vor mir auftut. Das sich immer auftut wenn ich einem Herzensmenschen „Bis bald!“ sagen muß. Die Erkenntnis, daß die gemeinsame Zeit wieder vorbei ist. Viel zu schnell vorbei ist. Ich brauche gefühlte Ewigkeiten bis ich in Gänze und allen Teilen wieder zu Hause angekommen bin. Egal, wie lange ich auf der Autobahn stehe und auf die Bremslichter meines Vordermannes starre.

Raindrops keep falling 01

Endlich. Wir bewegen uns schneller und kurz darauf kann ich wieder um die 120 fahren. Bis zum Einsetzen des nächsten Platzregens, der die Autobahn in eine graue Hölle aus Gischt  verwandelt. Ich kann vielleicht dreißig, vierzig Meter weit nach vorne sehen und meine Rückspiegel zeigen mir nur dieses graues Einerlei. Die Scheibenwischer packen die Wassermassen nicht mehr, die Welt verschwimmt jenseits meiner Windschutzscheibe. Über eine Stunde fahre ich durch diese graue, verschwommene Welt. Eine gefühlte Ewigkeit in der mir so ist als ob mir die Regenwolke folgen würde, nach dem Motto „Nö, du jetzt nicht!“

Ich habe also eine persönliche Regenwolke. Davon bin ich fest überzeugt während ich mit allen Sinnen bei dem bin, was ich gerade tue. Mein kleines blaues Auto hoch konzentriert durch den längsten Wolkenbruch steuern, an den ich mich erinnern kann. Bis aus dem Grau auf einmal die Warnblinkanlagen aufleuchten. Der nächste Stau und mein Handy meldet „Schnellere Route gefunden!“

Raindrops keep falling 07

Die schnellere Route verlangt, daß ich dort vorne an der Ausfahrt die Autobahn verlasse? Na gut, wenn das so ist, dann machen wir das so. Gemütlich eiere ich über Land und lerne kleine Käffer kennen mit lustigen Namen wie Tiste, Dinklage und Fladderlohausen. Ob ich wirklich schneller bin als wenn ich mich die nächste Stunde in den Stau gestellt hätte? Wer weiß das schon, wenigstens fahre ich. Ohne Anfahren, rollen lassen, bremsen, fünf Meter weiter gekommen. Niedersachsen im Regen, auch nett. Braucht man nicht zwangsläufig, aber dennoch nett.

Ich werde die Autobahn noch zwei Mal verlassen um Staus zu umfahren und fast acht Stunden bis nach Hause brauchen. Irgendwann bin ich auch meiner persönlichen Regenwolke entkommen und aus den Sturzbächen wird feiner Nieselregen. Ich liebe Nieselregen. Vielleicht nicht immer beim Autofahren, doch es gibt kein schöneres Wetter für lange Spaziergänge alleine. Bei dem Wetter geht niemand freiwillig vor die Türe und man begegnet keinem anderen Menschen. Ich liebe diese melancholische Stimmung, in der die Welt so wunderbar ruhig da zu liegen scheint.

Raindrops keep falling 10

Nasser Waldboden dämpft die Schritte und überall hängen feine Tropfen. Der Wald riecht satter, die Welt verschwimmt an den Rändern und verliert ihre harten Kanten. Selbst das Gezwitscher der Vögel erscheint leiser, gedämpfter. Dafür ist das Fallen hunderter, tausender Wassertropfen zu hören. Und auch wenn ich alleine mitten im Wald stehe, keine drei Kilometer Fußmarsch weiter bin ich wieder angekommen und angenommen.

Angenommen werden. So ein großes Thema in meiner Welt und das, bei dem ich so unglaublich  häufig schon weit am Ziel vorbei geschossen bin. Angenommen werden. Ohne Wenn und Aber, mit dem Fokus fest auf den guten Seiten, die ich habe. Ich stehe im Wald, die Schuhe schmutzig, die Waden von Brennesseln verbrannt (merke: Strumpfhosen sind keine geeignete Beinbekleidung um damit durch Brennesseln zu stapfen) und freue mich auf heißen Tee und reden. Oder zusammen schweigen und Outlander gucken. Diese Verbindung zu Frau Rabe ist weit und tief und sie trägt mich, auch wenn ich vierhundert Kilometer entfernt bin und nicht mal eben zum Reden und eine Tasse Tee vorbei schauen kann. Umso wertvoller ist die gemeinsame Zeit.

Raindrops keep falling 09

Das Handy dirigiert mich tonlos über grau verhangenes Land. Ich habe absolut keine Ahnung mehr, wo ich hier eigentlich bin, nur Felder und das letzte Schild, das mir zumindest die Nähe der nächsten Autobahn versprach, ist vor zwanzig Minuten hinter mir geblieben. James Marsters liest mir eine Folge der Dresden Files vor. Er könnte mir auch das Telefonbuch vorlesen mit dieser Stimme, ganz egal, so lange er nur spricht. Die Scheibenwischer untermalen die Szenerie mit einem ihrem typischen, rhythmischen „Flapflap“. Ich fahre gegen die Zeit. Nur noch zwanzig, nein, neunzehn Prozent Handy-Akku und immer noch keine Schilder für die nächste Auffahrt zur A1 in Sicht. Könnte knapp werden.

Raindrops keep falling 13

Dieses Wochenende war etwas Besonderes. In jeder Hinsicht. Und es hat mich Angesicht zu Angesicht mit jemandem zusammen geführt, der mich schon seit zwölf Jahren durch dieses Ding namens Internet begleitet. Mit jemandem, die mein Blog seit den allerersten Anfängen kennt und liest. Abraxa wohnt nicht weit weg von Frau Rabe und ich war der Meinung, es sei nach so langer Zeit virtueller Freundschaft endlich an der Zeit, sich mal im Leben 1.0 gegen über zu sitzen. Also habe ich sie gefragt ob sie Lust auf ein Date mit mir hat. Und sie hat ja gesagt.

Als ich Donnerstag am frühen Morgen so durch Schleswig-Holstein nach Kaltenkirchen fuhr war ich nervös. Wie das wohl ist? Sich nach so langer Zeit, in dem man die Wege des anderen über diverse Kanäle verfolgt und begleitet hat, ganz real gegen über zu stehen? Was ist, wenn sie mich so in echt eher doof findet? Oder wir uns gar nix zu sagen haben?

Man kann sich auf einer halben Stunde Autofahrt durch typisch norddeutsches Schietwetter den Kopf ganz schön zerbrechen. Und das auch noch total umsonst. Ich finde den Treffpunkt nach einigen Schwierigkeiten (liebe Kaltenkirchener, schildert Euren Bahnhof mal vernünftig aus!), stelle mein Auto ab und dann ist es soweit. Ich freue mir ein Loch in den Bauch und würde am liebsten vor Freude auf der Stelle hüpfen, denn da ist sie. In live und Farbe und mit Ton und ganz echt.

Ich will es gar nicht glauben, die Zeit verfliegt so schnell und mir ist diese tolle Frau, der ich zum ersten Mal im Leben begegne, so wahnsinnig vertraut. So schnell habe ich lange keine zwei Stunden mehr verquatscht und dabei das Zeitgefühl verloren. Als ich auf Wiedersehen sage tue ich das mit der Hoffnung, daß es nicht wieder zwölf Jahre dauert bis zum nächsten Kaffee-Date.

Raindrops keep falling 02

Die Akku-Anzeige springt von sechzehn auf fünfzehn Prozent um als endlich, endlich aus dem Regen ein Schild auftaucht, das mir die Richtung zurück zur A1 weist. Hoffentlich ist die Auffahrt bereits hinter dem Stau, ich habe für heute genug von Stau. Mittlerweile sitze ich über fünfeinhalb Stunden im Auto, verloren im niedersächsischen Nirgendwo. Inklusive Umwege 250 Kilometer gefahren, 190 liegen noch vor mir. Ich schalte die Navigation aus, damit ich wenigstens so ein bißchen Akku habe sollte noch etwas passieren. Also damit ich jemanden, am besten Cookie, anrufen kann um ihm zu sagen daß ich keinen Akku mehr hab. Was mir dann zwar nicht weiter hilft, aber immerhin weiß jemand daß ich irgendwo im Nirgendwo von der Landkarte gefallen bin und nicht mehr telefonieren kann. Ist ja auch ein tröstlicher Gedanke, so irgendwie.

Der Regen hört auf, die Staus liegen hinter mir und ich verlasse zum letzten Mal die vermaledeite A1 (du und ich, nie wieder!) um auf die A43 zu wechseln. Freie Fahrt. Endlich, endlich freie Fahrt! Ich trete mein armes, kleines blaues Auto. Ich will nach Hause, raus aus diesem Nirgendwo auf dem Weg von diesem wunderbaren Wochenende zurück zu Cookie, in mein Mupfelheim, in unser Schneckenhaus.

Es wird noch ein paar Tage dauern bis mir mein Herz hinter her gereist ist. Herzen reisen langsamer als mein alter, klappriger Golf wie es scheint. Ich fühle mich ein paar Tage alleine, verloren, empfindlich. Dennoch, vier Tage haben mir die Akkus bis zum Anschlag aufgeladen. Vier Tage mit so vielen geschenkten, wunderbaren Momenten. Vier Tage mit Freunden, wunderbarem Lachen, tiefem Verstehen, offenem Herzen, klugem Verstand, purem Glück und nackten Füßen im kalten Meerwasser. Raindrops keep falling on my head. So what?

Danke.

Fuesse im Meer 01

6 Gedanken zu „Raindrops keep falling on my Head.“

  1. Seid Tagen will ich nachfragen, ob es dir gut geht. Weil ich gefühlt so lang nichts von dir „gehört“ – also gelesen haben in der Gruppe. Und du sonst so aktiv warst… das fällt doch auf 🙂 Aber wie das bei mir oft so ist, mir fällt das 20x am Tag ein und wenn ich dann am Rechner sitz und Zeit hab, fällt mir alles andere ein, nur nicht DAS. Schlimm…
    Das hört sich nach einer schönen Zeit in HH und einer Mischung aus Gruselrückfahrt und viel Zeit zum Denken und in sich Hineinhorchen an. Das tut auch mal ganz gut. Wenn auch nicht vielleicht 8 Stunden im strömenden Regen. Übrigens bin ich auch so ein Regenspaziergänger. Ich mag das sehr. Wenn das Wetter richtig toll ist, dann bekommt man mich meist nicht runter von meinem Balkon. Seid ihr irre. Zum Stausee oder … bei dem tollen Wetter, zusammen mit dem Rest des Ruhrpotts? Nicht mit mir. Viehtreiben mag ich nicht so… aber durch den stillen tröpfelnden Wald laufen, das ist toll. Und sowas mache ich dann auch durchaus gerne alleine, denn das verstärkt dieses Gefühl noch. Ich kann gut alleine sein.
    Ich mag aber auch genauso gerne Gesellschaft.
    Danke für den schönen Post, habe ich sehr gerne gelesen. (Ich glaube, ich habe die Antwort jetzt auf die zwei letzten Posts geschrieben, gg… weil ich beide in Folge gelesen habe.. aber auch egal)

    1. Hi Haydee,

      das ist so unglaublich liebenswert von Dir <3

      Im Moment liegen Blog und Social Media Kanäle wie Instagram z.B. doch ziemlich brach, das stimmt. Zum nächsten Treffen kann ich leider auch nicht, ich bin an dem Wochenende unterwegs. Außerhalb des Ruhrpotts, man glaube es kaum.

      Ich kenn das auch, den ganzen Tag denkt man dran "Ach, das möchte ich noch erledigen" und was hat man dann abends vergessen? Eben. Passiert mir auch regelmäßig.

      Liebe Grüße,
      Mirtana

  2. ich fühle mich auch immer ein paar Tage lang irgendwie so schwerelos… im Sinne von bodenkontaktlos… immer wenn ich von Dir wieder weg fahre oder Du von mir weg fährst. Der Rabenbub fragte übrigens: „warum ist Steffi schon wieder weg?“

    Ich habe mal nach privaten Ferienwohnungen geguckt. Und günstige gefunden, mit 2 Schlafzimmern, Pool, vorne Meer und Strand, hinten Berge. Ich rufe Dich heute mal an 🙂

  3. <3 Es war sehr schön mit dir, wir müssen das wiederholen 🙂

    vielleicht kann ich im Herbst ja echt mal Samstags zu dir kommen und Sonntags zurück fahren, so ganz ohne Kinder. Kommt man von dir aus zu nem Fernbus?

    1. Liebe Abraxa,

      von mir aus vielleicht nicht direkt, aber in den umliegenden Städten (Gelsenkirchen, Essen, Bochum, Bottrop) gibt es mit Sicherheit eine Fernbus-Anbindung. Ich meine, mich erinnern zu können daß es am HBF in Gelsenkirchen eine Fernbus-Station gibt. Und so weit ist das alles hier nicht auseinander, ich kann Dich an der Haltestelle ja abholen.

      Und Herbst ist gut, das ist eine gute Zeit für einen Ruhrpottbesuch! Ich tät mich freuen <3

      Liebe Grüße,
      Mirtana

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