Ich wohne zur Miete. Wie viele andere Menschen auch. In einem Haus mit mehr als einer Wohnung. Da kommt es schon mal vor, daß die Menschen, die dort ihren Wohnsitz haben, eben jenen wechseln. Dann zieht jemand aus, die Wohnung steht leer, oder auch nicht, und ein anderer Mensch zieht irgendwann ein. Der normale Lauf der Dinge, man kennt das. Warum allerdings in der Wohnung über mir immer Menschen einziehen, die es offenbar opportun finden, ab elf Uhr abends ihr Mobiliar durch die Wohnung zu bewegen, hat sich mir noch nicht so ganz erschlossen.
Ja, natürlich bin ich mir im Klaren darüber, daß ein Auszug, ebenso wie ein Einzug, damit verbunden ist, daß Möbel und Kartons durch die Gegend geschleppt werden. Und daß diese Tätigkeiten selten geräuschlos von sich gehen. Damit habe ich prinzipiell wenig Probleme, irgendwie muß der Krempel, den man zum Wohnen so benötigt, schließlich von A nach B gelangen. Dann stelle ich mich auf ein Wochenende Geklapper und Gepolter im Haus ein – es handelt sich hier schließlich nicht um ein Penthouse mit dreihundert Quadratmetern, welches man mit Zeugs füllt. Und damit sollte dann auch gut sein. Finde ich jetzt so.
Meine Nachbarn, von denen ich schon einige habe kommen und wieder gehen sehen, scheinen da anderer Ansicht zu sein. Statt dessen könnte man meinen, daß sich über meinem Kopf allabendlich eine Art olympischer Wettkampf im synchronisierten Möbelrücken abspielt. Kommt da jemand, der pünktlich um elf die Startnummern verteilt? Damit die Schrankwand zum Marathon antreten, der Esstisch sich zeitig genug aufwärmen und die Stühle den Staffellauf proben können? Gelegentlich wird etwas Schweres über den Boden gezerrt, von dem mich die Altbau-Akustik überzeugen möchte, es handle sich um einen ausgewachsenen Konzertflügel. Obwohl ich mir sehr sicher bin, daß keiner meiner bisherigen Nachbarn sich in der Kunst des Klavierspielens versucht hat.
Vielleicht haben meine Nachbarn eine Vorliebe für eine Unterart des gemeinen Wanderschranks, der ausschließlich des Nachts aktiv wird und zur Paarungszeit besonders lärmintensiv über Laminatböden walzt auf der Suche nach einem Liebesabenteuer? Oder sind sie etwa Feng-Shui-Adepten, die lediglich versuchen, die optimale Position von Sofa und Co zu ermitteln? Gut, ich würde einfach einen Grundriß zeichnen und dem Feng Shui mit kleinen Pappmöbeln auf den Leib rücken, aber mir fehlt dafür wohl die spirituelle Offenheit.
Was auch immer über mir getrieben wird, es hat zur Folge, daß ich im Bett liege und den Wanderbewegungen fremder Zimmereinrichtungen lausche, während ich eigentlich den Plan verfolgte, die Nacht schlafend zu verbringen. Ob ich wohl eine spiritistische Untersuchung der Wohnung anregen könnte? Wer weiß, vielleicht spukt es dort auch und die Möbel sind von Geistern besessen? Man weiß es nicht. Für den Anfang würden mir persönlich Filzgleiter reichen. Oder eine Möbelwanderung zu Tageszeiten, in denen man gemeinhin nicht dem Laster des Schlafens frönt.
So, jetzt wissen Sie also, warum ich müde war und ernsthaft darüber nachdachte, ob es sozial akzeptiert sei, im Büro den Kopf einfach auf den Schreibtisch zu legen und niedliche Schnarchgeräusche von sich zu geben. Es gibt allerdings auch andere Menschen, die, kaum habe ich beiläufig erwähnt, daß ich Nachbarn mit sehr agilen und nachtaktiven Möbeln habe, sich bemüßigt fühlen, mir ihre medizinische Einschätzung um die Ohren zu hauen.
Denn meine Müdigkeit sei mit Sicherheit auf Vitaminmangel zurückzuführen. Vitamin D vielleicht. B12, auch ein heißer Kandidat. Das sei ganz häufig die Ursache für Müdigkeit. Da hätte man vor kurzem ein sehr interessantes Video auf YouTube gesehen. Aha. Und ich unwissender Tropf war der Meinung, ich sei lediglich müde, weil mich Lärm vom Schlafen abgehalten hat. Wie naiv von mir!
Offenbar liegt mein Problem nicht bei den Nachbarn und ihren wandernden Möbeln, sondern tatsächlich bei dem vitamintechnisch unterversorgten Weichei eine Etage tiefer. Also mir, wem sonst. Gut, wenn das nächste Mal die große Möbelwanderung über mir beginnt, dann sollte ich wohl meine Blutwerte überprüfen lassen statt am nächsten Tag unausgeschlafen über die Nachbarn zu schimpfen. Warum schaffen wir die gesetzliche Nachtruhe nicht gleich ab und füttern die Menschen stattdessen mit hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln? Wie, ich liege trotzdem wach? Tja, dann habe ich eben falsch dosiert, kann passieren. Also, ich sehe da durchaus wirtschaftliches Potential.
Zugegeben, ich bin immer wieder beeindruckt von der bemerkenswerten beruflichen Laufbahn von Dr. YouTube und seinen zahlreichen niedergelassenen Kollegen. Da studieren andere Menschen jahrelang Medizin, dabei könnten sie ihre Ausbildung zwischen zwei Katzenvideos und einer Werbung für Heißluftfritteusen absolvieren. Anschließend sind sie befähigt, aus einem einzigen beiläufigen Satz eine aussagekräftige Diagnose abzuleiten. Vorzugsweise ungefragt. Erstaunlich! Warum sich diese Abkürzung unter den fehlgeleiteten Menschen, die heutzutage ernsthaft Medizin studieren, noch nicht herumgesprochen hat, ist mir ein Rätsel.
Ja, ich informiere mich natürlich auch im Internet. Dafür ist es schließlich da. Ich komme aber nicht auf das schmale Brett, mir im Anschluß einzubilden, ich besäße so etwas wie medizinische Expertise, die ich über andere auskippen dürfte. Schließlich habe ich mir auch Bücher und Dokumentationen über gotische Kathedralen zu Gemüte geführt (ich habe merkwürdige Interessen, ich weiß) und käme trotzdem nicht auf die Idee, dem Kölner Dom einen dritten Turm verpassen oder mir eine gotische Kathedrale in den Garten dübeln zu wollen.
Mit solcher Zurückhaltung hat der gemeine Wald-und-Wiesen-Dr. YouTube offenbar wenig am Hut. Drei Videos, zwei Fachbegriffe, ein überzeugend formulierter Kommentar unter einem Beitrag und ZACK, schon steht die Diagnose, die unerwünschte. Die Approbation gibt es vermutlich ab tausend Abonnenten, den Facharzttitel mit aktivierter Glocke?
Bei aller tragischen Komik, die solchen Situationen innewohnt, ärgert mich die Selbstverständlichkeit, mit der mir eine unerwünschte medizinische Beratung in die Gehörgänge gekübelt wird. Nein, ich habe nicht nach einer Diagnose, Therapieempfehlung und erst recht nicht nach einer Fortbildung in angewandter Nahrungsergänzung gefragt. Ich wollte einfach nur über meine Nachbarn und ihre balzenden, Feng-Shui-geplagten Möbel schimpfen. Ein simples „Och, das ist ärgerlich“ würde mir als Reaktion vollkommen ausreichen. Stattdessen soll ich mich offenbar für eine kostenlose Ferndiagnose bedanken, deren wissenschaftliche Grundlage ungefähr der eines medizinisch interessierten Gartenzwerges entspricht. Nein, irgendwie … nicht. Damit triggert man unweigerlich meinen Sarkasmusnerv, der sich dann fast schon zwanghaft laut äußern muß, was mich zur unhöflichen Konstante in der Gleichung macht.
Bemerkenswerte gesellschaftliche Konvention übrigens: Andere dürfen mir ungefragt erklären, was mit meinem Körper, den ich immerhin seit siebenundvierzig Jahren bewohne und recht gut kenne, nicht stimmt, während ich gefälligst darauf zu verzichten habe, ihre fachliche Kompetenz in Frage zu stellen. Nun gut, wenn dem so ist, dann soll dem eben so sein. Ich verteile an dieser Stelle auch mal medizinische Empfehlungen und versuche mich an einer Therapieempfehlung für sämtliche Dr. YouTubes. Eine hochdosierte Behandlung gegen chronische Kompetenzüberschätzung bei akutem Mitteilungsdrang: Einfach mal die Klappe halten. Die Wirkung wäre unmittelbar überprüfbar.
Was Sie mir allerdings gerne empfehlen dürfen: einen guten Anwalt. Nicht, daß ich vorhätte, irgend jemandem etwas anzutun. Ich informiere mich nur gerne gründlich, bevor ich neue Behandlungsmethoden ausprobiere.
