„Wie kann man denn bei dem schönen Wetter hier im Dunklen sitzen?!“ ist dieser eine Satz, den ich gerne mal von den mir zugehörigen Erziehungsberechtigten zu hören bekam, wenn ich mich bei hochsommerlichen Temperaturen jenseits der dreißig Grad in meinem Zimmer verkroch, bei geschlossenen Fenstern und heruntergelassenen Rollos. Ich konnte unglaublich bequem im Halbdunkel sitzen und lesend darauf warten, daß der Backofen außerhalb der eigenen vier Wände das Heizen einstellt. Und mir hat sich nie erschlossen, was so erstrebenswert daran sein soll, bei Hitze „das gute Wetter draußen zu genießen“.
Es gibt Dinge, die ich vermutlich nie verstehen werde. Quantenphysik. Warum Rosinen in bestimmtes Backwerk gehören sollen. Warum man Gartenzwerge sammelt. Und ganz oben auf der Liste der Dinge, die sich mir in diesem Leben nicht erschließen werden, steht diese alljährliche Begeisterung für den Sommer. Jedes Jahr auf ein Neues passiert in meiner Umgebung folgendes: Kaum zeigt das Thermometer Temperaturen an, bei denen man auf Asphalt theoretisch Spiegeleier zubereiten könnte, verfallen die Menschen in einen Zustand kollektiver Verzückung. Ja, ja, die Sonne scheint. Ich hab das gesehen. Jetzt kriegt Euch wieder ein. Das ist keine Einladung ins persönliche Paradies, die zunehmenden und stärker werdenden Hitzewellen nennt man nicht Spitzensommer, sondern Klimakrise und Erderwärmung, mal so nebenbei.
Dabei habe ich gar nichts gegen Menschen, die den Sommer feiern. Ehrlich nicht. Ich will den Sommer halt nur einfach nicht feiern, weil er kaum etwas mit sich bringt, was ich mag. Im Gegenteil, er führt einen regelrechten Feldzug gegen alles, was ich unter Gemütlichkeit verstehe, und verlangt von mir, einen Teil meiner Persönlichkeit zu ignorieren. Seine Kumpels Herbst, Winter und sogar Frühling lassen mich sein und das finde ich wirklich nett. Der Sommer ist nicht nett. Er ist ein Drecksack.
Manche Menschen laufen Marathon. Springen mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug. Gucken freiwillig Reality-TV. Der Mensch an sich ist ein Faszinosum mit den unterschiedlichsten Vorlieben. Das kann ich respektieren, selbst wenn ich das komisch oder irritierend finde. Was mich allerdings nervt, ist diese Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wird, daß der Sommer eine objektiv gute Sache sei. Gab es eine geheime, weltumspannende Versammlung, die in grauer Vorzeit mal beschlossen hat, daß zwischen Juni und August lediglich positive Gefühle zugelassen seien? Wenn ich vorsichtig einwerfe, daß ich Temperaturen über 25 Grad sowie die dazu gehörigen Erscheinungen eher unerquicklich finde, ernte ich Blicke, als hätte ich gerade vorgeschlagen, alle Hauskatzen vorsorglich einschläfern und ausstopfen zu lassen.
„Aber ist das Wetter nicht herrlich?“ … Nein, Doris-Ulrike. Diese Temperaturen sind nicht herrlich, sondern unangenehm warm. Für mich war diese Hitze schon immer ein körperliches Problem. Ich schlafe schlecht in tropischen Nächten und unausgeschlafen habe ich am nächsten Tag beschissene Laune. Ich schwitze wie Sau und kann gar nicht so viel Flüssigkeit nachfüllen, wie ich verliere. Mein Körper mutiert zum undichten Gartenschlauch, ständig tritt irgendwo Wasser aus und das Leck ist nicht aufzufinden. Was fiese Kopfschmerzen und Unkonzentriertheit zur Folge hat. Ich muss zwei bis drei Mal am Tag duschen, um das klebrige Gefühl loszuwerden und selbst wenn ich beim „mal eben lauwarm den Schweiß abspülen“ kein Duschgel verwende, findet meine Haut das nur so semi.
„Aber die schönen, lauen Sommernächte, die sind doch wunderbar?“ … Tja, Karl-Uwe, die reißen mich auch nicht vom Hocker. Schön auf dem Balkon oder im Garten zu sitzen und darauf zu warten, daß die Sonne endlich verschwindet, endet bei mir regelmäßig damit, daß ich mich mit übelriechendem Zeug einschmiere, das laut Verpackung Mücken fernhalten soll. Offenbar lesen die Mücken diese Anleitungen nicht. Oder irgendwo in der Umgebung muß es einen Newsletter für die Biester geben. Anders kann ich mir nicht erklären, warum die stets innerhalb von fünf Minuten vollständig darüber informiert sind, daß das All-inclusive-Buffet aka „Frau Mirtana sitzt draußen“ jetzt eröffnet ist. Am Ende stinke ich erbärmlich und bin mit Insektenstichen übersät. Wirklich schön. Nicht.
Freibad? Gnadenlos überfüllt, an Schwimmen, so wie ich das verstehe, sprich Bahnen ziehen, ist da nicht zu denken. Auf Plantschen in pipiwarmen Becken stehe ich nicht und den dazu gehörigen Körperkontakt muss ich nicht haben. Badeseen sind im Ruhrgebiet bei Hitze gnadenlos überlaufen und ich schwimme nicht in offenen Gewässern. Es sei denn, ich falle zufällig hinein, dann dient das Schwimmen allerdings dem Lebenserhalt und nicht dem Vergnügen. Ein kühles Plätzchen im Park, unter einem Baum sitzen und lesen zum Beispiel, scheint auch nur so lange eine gute Idee zu sein, bis die ersten Horden mit ihren mobilen Grills dort einfallen und zusätzlich zu der drückenden Hitze noch Rauchschwaden durchs Geäst wabern.
Menschen dürfen das genießen, wenn ihnen das gefällt. Was die Sommerfraktion nie zu verstehen scheint: ich will niemandem den Spaß daran nehmen. Freut Euch über den Sommer, aber lasst mich bitte mit Eurer verzückten Begeisterung in Ruhe. Ich verabscheue den Sommer, weil er mir aktiv geliebte Dinge wegnimmt. Während sich die einen auf kurze Hosen freuen, räume ich mit traurigem Blick meine Strickjacken in den Kleiderschrank. Die anderen zählen die Tage bis zum Freibadbesuch. Ich schaue betrübt auf meine nackten Füße und vermisse meine Wollsocken. Kein Mensch trägt bei Temperaturen über dreißig Grad freiwillig Wollsocken oder Strickjacken – es sei denn, man hängt nicht sehr an seinem Leben und hat Freude daran, jährlich sein Testament zu aktualisieren.
Für mich muss es draußen nicht länger als bis acht Uhr hell sein. Die Sonne ist im Sommer wie der Gast, der sich trotz mehrmaliger Erinnerung, daß die Party jetzt beendet sei, festgesessen hat. Erst recht muss es nicht schon mitten in der Nacht wieder dämmern. Je früher sich die Sonne morgens über den Horizont schiebt, desto früher beginnt draußen das Vogelgekreisch – und desto schneller heizen sich meine großen Fenster auf, sobald der erste Sonnenstrahl darauf fällt. Ich liebe es, abends Kerzen anzuzünden, weil ich ihr Licht mag. Aber ich müsste mit der Muffe gepufft sein, meine Wohnung noch zusätzlich mit Kerzen aufzuheizen, während ich ohnehin schon im eigenen Saft gare.
Und ich liebe Suppen und Eintöpfe. Nein, kalte Gazpacho ist kein adäquater Ersatz für eine Schüssel heiße Nudelsuppe mit Gemüse, die an einem kühlen Tag wunderbar Gemüt und Leib wärmt. Ich kann nur bedingt täglich Salat und kalte Küche genießen, bis sich in mir das schmerzhafte Verlangen einstellt, einen mit Käse überbackenen Gemüseauflauf haben zu wollen. Den Backofen anzuwerfen während sich die Welt draußen allmählich in eine riesige Bratenröhre verwandelt ist eine ähnlich dumme Idee, wie sich mit einem Wintermantel in die Sauna zu setzen. Kann man machen, ist im Endergebnis dann halt Scheiße.
Im Sommer muss ich Kleidung tragen, die möglichst luftig und möglichst wenig ist. Und damit der Rest, der nicht irgendwie von Textil bedeckt, sondern der Sonne ausgesetzt ist, mir nicht Sonnenbrand beschert, darf ich mich mit Lichtschutzfaktor 50 einschmieren. Entweder sehe ich danach aus wie eine geweißelte Wand in einer restaurierten Mühle von 1800 oder ich habe eine klebrige Schicht Glibber auf der Haut, die mit dem unvermeidlichen Schweiß eine unheilige Allianz eingeht. Als ob verschwitzt sein allein nicht schon reichen würde, um mich widerlich zu fühlen.
Eines meiner liebsten Hobbys ist Stricken. Macht im Sommer nur so bedingt Spaß, mit einem Material zu hantieren, was für seine wärmenden Eigenschaften bekannt ist. Schwitzige Hände und Wolle sind keine gute Kombination. Es sei denn, ich möchte direkt Filzsocken stricken. Und selbst wenn ich so ein Paar hübsche Socken ohne verfilzte Stellen fertig stellen sollte: es wandert direkt in die Schublade statt an meine Füße. Und ja, ich mag das, schöne Socken direkt anzuziehen, meine Quadratfüße zu betrachten und mich über ihre schöne, selbstgefertigte Bekleidung zu freuen.
Lesen könnte ich. Wenn mir die Hitze nicht mein Hirn zerkochen würde und ich die Aufmerksamkeitsspanne einer Obstfliege hätte. Ich liege oder sitze beim Lesen am liebsten auf der Couch, eine kuschlige Decke um mich gewickelt, eine Tasse guten Schwarztee neben mir. Denn eine Decke ist in meiner Welt nicht einfach nur ein Wohnaccessoire, das man instagrammable übers Mobiliar wirft, sondern eine Notwendigkeit für das gemütliche Gefühl. Natürlich könnte ich mich auch im Sommer in eine kuschlige Decke hüllen. Käme vermutlich genauso gut wie der Versuch, als Eiswürfel im Backofen Urlaub zu machen.
Ach, und Tee. Kaum halte ich im Sommer eine Tasse Tee in der Hand, denn ich trinke nun einmal hauptsächlich schwarzen Tee, dann kann ich die Uhr danach stellen, wann ich diesen Blick ernte. Genau, diesen Blick. Als ob ich beschlossen hätte, ab sofort nur noch Kühlerfrostschutz zu trinken. Immer gefolgt von der entsetzten Frage „Wie kannst du bei dieser Hitze Tee trinken?!“ Witzigerweise sitzen dieselben Personen, die mir diese Frage stellen, mit drei Ventilatoren, geschlossenen Rolläden, einem Liter Eiswasser vor sich und schweißtriefendem Gesicht herum. Versteht mich bitte nicht falsch: ich verurteile niemanden. Ich kann mich lediglich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Beziehung vieler dieser Sommerliebhaber zur Hitze bemerkenswert widersprüchlich erscheint. Denn einerseits lieben sie den Sommer. Und schwärmen von all seinen Vorzügen in den höchsten Tönen. Gleichzeitig verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit damit, Strategien zu entwickeln, um den Sommer möglichst nicht direkt mit erleben zu müssen. Ich kaufe mir doch auch keine Katze, um hinterher entsetzt festzustellen, daß das Tier sich wie … nun ja … eine Katze verhält.
Allergisch reagiere ich auf Zeitgenossen, die mir den Sommer als Inbegriff der Gemütlichkeit verkaufen wollen. Nein, Dörte-Bettina. Der Sommer ist nicht gemütlich. Er ist laut, er ist grell, er ist heiß und er ist nervig. Und er bringt die gesellschaftliche Erwartung mit sich, ich müsse „das schöne Wetter nutzen“. Ich solle raus gehen. Ich solle was unternehmen. Ich solle die Sonne genießen. Als wäre Sonnenschein ein Angebot beim Discounter, wo ich mich nachher ärgere, weil ich nicht gleich zwanzig Dosen auf Vorrat gekauft habe.
Im Herbst fragt mich auch niemand, ob ich die schönen dicken Wolken und den Regen ausreichend ausgekostet hätte. Im Winter verlangt niemand, ich solle Kälte und Nebel ausnutzen. Nur im Sommer scheint offenbar eine moralische Verpflichtung zu bestehen. Wenn ich zugebe, bei Hitze am liebsten in meiner immerhin ein paar Grad kühleren, schattigen Altbau-Wohnung zu sitzen, werde ich angeschaut, als würde ich jeden Morgen Dackelwelpen foltern.
Das Schönste am Sommer? Ist für mich schlicht und ergreifend sein Ende. Ich bin nicht boshaft, ich wünsche niemandem schlechtes Wetter. Die Sommerliebhaber haben jetzt drei Monate, um auf ihre Kosten zu kommen. Und ich freue mich auf die Rückkehr der Jahreszeiten, die meine Lebensentscheidungen akzeptieren. Auf den Moment, wo es endlich wieder kühl genug ist, um die Strickjacken aus dem Kleiderschrank zu holen. Wo Abends um spätestens halb neun die Sonne verschwunden ist und Kerzenlicht meine gute Stube erhellt, ohne die Räume noch weiter aufzuheizen. Wenn sich Suppen und Eintöpfe wieder genießen lassen, ohne die Frage aufzuwerfen, ob gleich einer mit Eimer und Schöpfkelle für den Sauna-Aufguss durch die Türe wandert. Auf Finger, die sich an Teetassen wärmen und Füße, die in eleganten, selbstgestrickten Socken Gemütlichkeit verbreiten. Kuscheldecken, die wieder Geborgenheit schenken statt Kreislaufprobleme.
Genießt Euren Sommer gerne in vollen Zügen. Ich warte derweil, daß er endlich wieder geht. Der Sommer ist kein Argument. Er bleibt ein Drecksack.
