Sanft kurvt die Straße hinunter ins Tal an die Nister. Und fast kann ich den Schalter hören, der sich auf den letzten Metern bis zu meinem Ziel in meinem Inneren umschaltet: von Alltag und Lärm auf Ruhe und Abschalten. Ich stelle das Beschleunigungsmonster auf dem Gäste-Parkplatz der Zisterzienserabtei Marienstatt ab. Knackige ein Grad über Null zeigt mir das Thermometer, während mich Sonnenstrahlen begrüßen. Wie anders dieser Ort im November ist! Bei meinem Aufenthalt im August war das Kloster voller Leben, der Barockgarten stand in schönster Blüte, und die Vorbereitungen für ein hohes Kirchenfest, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, waren im Gange.
Jetzt liegt der Barockgarten schon im Winterschlaf, nur noch ein paar unbelehrbare Blätter klammern sich an die Äste der vielen Bäume, und die ganze Anlage strahlt eine erhabene Ruhe aus. Während ich zur Klosterpforte laufe, um meinen Zimmerschlüssel abzuholen, kommt mir der Gedanke, wie vertraut mir all die Geräusche sind: das ferne, fast kaum wahrnehmbare Plätschern der Nister, der Ton meiner Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, das leise Knarzen der alten Holztüre. Und wie sehr mein Fokus jetzt schon auf den kleinen Geräuschen liegt, die im normalen Alltag keinerlei Aufmerksamkeit erfahren.
Ich bin die Erste der Teilnehmenden, die heute zum Schweigeretreat anreist, und darf mir mein Zimmer aussuchen. „Wenn es geht, hätte ich gerne eines ohne Fledermäuse“, sage ich lächelnd. Die Dame schaut auf, lacht und erwidert, daß sie sich an mich und meinen nächtlichen Fledermausbesuch im Sommer erinnert. Und dann rätseln wir ein wenig, ob Fledermäuse im Winter eigentlich aktiv sind oder so etwas wie Winterschlaf halten. Mit einem Grinsen nehme ich den Schlüssel für das Zimmer Schwester IV im Pfortenhaus entgegen, eines mit zwei Fenstern, die mir den Blick auf den klösterlichen Kräutergarten sowie die Kirche gewähren.
Bevor ich meinen Koffer in den zweiten Stock des Pfortenhauses schleppe, mache ich einen Abstecher in den Klosterladen. Ich habe Cookie versprochen, wieder Apfelsaft mitzubringen. Und so wuchte ich zwei Boxen à fünf Liter zurück zum Beschleunigungsmonster, lade den Koffer aus und verstaue meine Beute dort. Spoiler: Am nächsten Abend werde ich den Saft doch noch auf mein Zimmer schleppen. Da soll es in der Nacht bis zu minus neun Grad geben, und meine Physikkenntnisse sind nicht ausreichend, um zu berechnen, wie lange fünf Liter Apfelsaft benötigen, um sich in zwei sehr große Eiswürfel zu verwandeln.
Doch bevor ich in die Verlegenheit komme, Saftkartons in Sicherheit zu schleppen, beziehe ich erst einmal mein Zimmer. So wie letztes Jahr schon sind Wasserkocher, Tee, Tasse und Wärmflasche wieder mit mir unterwegs. Beim Ausräumen meines Koffers macht sich Vorfreude auf die kommenden Tage in mir breit, neben Neugier und dem Gefühl, an dem Punkt wieder anzuknüpfen, wo ich letztes Jahr aufgehört habe. Ich bin gespannt, was mir dieses Mal in der Stille begegnen wird.
Auch dieses Jahr gilt: nicht reden, nicht lesen, keine Musik oder Podcasts, keine Ablenkung. Sondern mir selber Ruhe und Raum geben für die Begegnung mit dem, was auftaucht. Für die kommenden Tage bin ich mir sehr bewußt über meine Lektion des vergangenen Jahres: man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen.
Bis auf eine Ausnahme sind alle Teilnehmenden Wiederholungstäter, und es ist schön, die bekannten Gesichter zu sehen. Und so merkwürdig das klingen mag, denn genau genommen kennen wir uns doch alle eigentlich gar nicht. Dennoch sind wir irgendwie durch die gemeinsame Erfahrung, mit uns alleine zu sein in der Gemeinschaft, miteinander verbunden. So reden wir beim ersten Abendessen noch ausgelassen miteinander, bevor wir das Retreat mit der ersten stillen Meditation beginnen und uns um neun Uhr auf unsere Zimmer zurückziehen.
Wo ich mich mit Wärmflasche und einer zweiten Decke ins Bett kuschle und einen Luxus genieße, den ich zu Hause selten habe: bei knackig kalten Temperaturen mit offenem Fenster zu schlafen. Und das um halb zehn. Normalerweise gehe ich um diese Uhrzeit nur ins Bett, wenn ich krank bin. Ich schlafe tief, traumlos und gut, bin allerdings um halb sechs schon wieder wach und fühle mich sehr ausgeruht. Mit einer Tasse Tee starte ich in den Tag, der sich noch in Dunkelheit kleidet. Bei Minustemperaturen stapfe ich durch die Dunkelheit zur ersten stillen Meditation und bin sehr über mich selber erstaunt, wie klar und wach ich mich fühle. Es fällt mir unglaublich leicht, meinen Gedankenstrom immer wieder zu unterbrechen und zurückzukehren zum Atmen: Einatmen, Ausatmen, Gedanken wahrnehmen und sie fast sofort wieder loszulassen. Sonst nichts. Kein Kampf mit mir selber.
Mit sehr viel Leichtigkeit in Kopf und Herz meditiere ich mich durch den Tag: im Sitzen, im Gehen, beim Yoga und beim Fotografieren. In den Pausen schreibe ich, ganz altmodisch mit Füller auf Papier, auf, was mir den Tag durch den Kopf gegangen ist. Mit freundlicher Distanz und Wohlwollen hole ich den ein oder anderen Gedanken noch einmal ans Licht, um ihn von verschiedenen Seiten zu betrachten. Am Ende des Tages bin ich auf eine gute Art erschöpft und müde. Wieder bin ich vor zehn Uhr bereits im Land der Träume.
Und bringe eine weitere Nacht mit tiefem, erholsamem Schlaf hinter mich. Habe ich mich am ersten Tag noch gewundert, wie schnell ich zurückgefunden habe zur Ruhe im Kopf – ganz anders als letztes Jahr, wo mich gerade der Einstieg wirklich Kraft gekostet hat – so stelle ich am zweiten Tag fest, daß ich das tatsächlich noch steigern kann. Und frage mich in der Mittagspause, wann ich mich eigentlich das letzte Mal so wach, präsent und klar gefühlt habe.
Der Ort macht es mir einfach. Denn dort gibt es recht wenig zu tun, außer Yoga und Meditation, Reflexion und Schweigen. Und dieses Jahr mit Rauhreif geschmückte Natur zu fotografieren. Er hat, gerade im November, etwas unglaublich Erhabenes und strahlt eine einladende Ruhe aus. Er fühlt sich mittlerweile sehr vertraut an, und eine der spannenden Erfahrungen, die das Schweigen mit sich bringt, ist die Tatsache, daß die Geräusche der Umgebung eine gewichtigere Rolle spielen: das Klappern des Servierwagens über die Fliesen, wenn das Küchenpersonal die Tische eindeckt, der Klang der eigenen Schritte und wie er sich in den einzelnen Gängen des Gebäudes verändert. Sie klingen anders in der Empfangshalle als im kleinen Zwischengang und wieder anders, wenn man über den knarrenden Holzboden des Seminarraums läuft. All diese vertrauten Töne schaffen einen Klangteppich, in dem ich mich bei meinem dritten Schweigeretreat sehr zu Hause fühle.
Am Sonntag scheint es uns Teilnehmenden sehr ähnlich zu gehen. Ich für meinen Teil könnte das Schweigen auch noch die nächsten Tage fortsetzen, und ich bin ein wenig traurig, daß die Zeit mit den Reisegefährten, die mit mir alleine gemeinsam auf diesem Weg gegangen sind, schon vorbei sein soll.
Ich beende meinen Aufenthalt dort mit einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit: für das Privileg, mir diese Auszeit und Erfahrung leisten zu können, für den behüteten Raum, der mir die Freiheit schenkt, mich einfach nur mit mir selber beschäftigen zu dürfen, für den besten Ehemann der Welt, der mich einfach machen läßt, ohne seiner Ehegattin das Gefühl zu geben, komisch zu sein, für die Klarheit und die Leichtigkeit, für die Anwesenheit anderer Menschen, mit denen ich, auch wenn wir drei Tage lang nicht miteinander reden, die Erfahrung des Schweigens gemeinsam machen kann.
Bis nächstes Jahr. Ich freue mich jetzt schon darauf.






















