Portoscuso

Roadtrip Sardinien: Von Düsseldorf nach Portoscuso.

Heute ist es soweit, ich starte in einen meiner großen Träume, die Wirklichkeit werden. Alleine Urlaub zu machen um mit dem Auto über eine Mittelmeerinsel zu fahren. Mein “Roadtrip Sardinien”, von dem ich lange geredet habe, heute geht es also los. Stehen Sie mit mir zu nachtschlafender Zeit auf, um von Düsseldorf nach Cagliari zu fliegen, einen landestypischen Kleinwagen zu mieten und von der Landkarte zu fallen. Und genießen Sie die Aussicht auf dem Weg nach Portoscuso.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Ich verlaufe mich am Flughafen. Immer.

Dieser Flughafen und ich, wir werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Ankunft, Abflug, Terminal dies, Gate drölfzig. Und von den Parkhäusern rede ich erst gar nicht. Zum Glück muß ich mir nicht merken, wo Cookie parkt. Sonst liefe ich heute noch in den Parkhäusern umeinander und suchte Auto, Mann oder Ausfahrt. Oder alles zusammen. Cookie hat dafür gesorgt, daß ich am Flughafen früh morgens nicht verloren gehe. Eine freundliche junge Frau (wie kann man am frühen Morgen schon so gut gelaunt sein?) hat meinen Koffer gewogen, beklebt und zum Flieger vorgeschickt. Cookie hat mir ein Croissant und einen Tee gekauft. Ohne Frühstück geht nicht.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Der Tee ist leer, an das Croissant erinnern nur noch ein paar Krümel auf meiner Jacke. Noch einmal feste küssen und umarmen. Und ein Kuss für den Weg. Mindestens. Viel Spaß soll ich haben, sagt Cookie. Weiter darf er nicht, ab hier bin ich alleine. Plötzlich fühle ich mich ganz klein. Nimm mich mit nach Hause, bitte, lass mich nicht hier, ich kann das doch alles nicht, ich kann das nicht. Lautlos rufe ich das Cookies Rücken zu, der sich langsam seinen Weg durch die Menge der Fluggäste bahnt. Nicht zum ersten Mal an diesem noch so frühen Morgen frage ich mich, ob ich eigentlich den Verstand verloren habe …

Ich drehe mich um Der Flughafen verschluckt mich, spült mich durch eine Taschenkontrolle und spuckt mich irgendwo im Gewirr der Gänge und Gates und Geschäfte wieder aus. Meine Bordkarte fest in der Hand suche ich den Wartebereich, der auf dem Stück Papier in meiner Hand angegeben ist. Wenige Reisende warten mit mir darauf, daß wir den Flieger nach Cagliari besteigen dürfen. Nebensaison, denke ich und freue mich auf meinen Fensterplatz, den die nette Frau beim Kofferwiegen mir angeboten hat.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Ich liebe das Fliegen.

Ich liebe Fliegen. Darf man das überhaupt heute noch? In Zeiten des Klimawandels, darf man da gerne fliegen und nicht mal ein schleches Gewissen haben? Zwischen den Ansagen aus dem Lautsprecher, im Hinterkopf mein ich kann das nicht, ich kann das nicht. Immer noch da, ganz leise. Kleiner und immer kleiner wird der Wunsch, alles abzubrechen, hinzuwerfen, aufzugeben und eine Woche Urlaub auf der eigenen Couch zu machen. Hey, ich liebe Fliegen, sage ich mir und dann sitze ich in einem Bus, der mich zu meinem Flieger bringt. Das würde meinem Neffen gefallen, denke ich und gucke mit großen Augen all die Flugzeuge an, die dort herum stehen, be- und entladen, getankt und gewartet werden bevor sie sich wieder in die Luft erheben.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Die Sonne geht auf als ich auf meinem Fensterplatz den Sicherheitsgurt schließe. In den Sonnenaufgang starten, wie schön! Nach einer halben Stunde aus dem Fenster starren unterbricht mich die Stewardess mit der Frage “Sandwich oder Kuchen?” Mein Nacken protestiert als ich den Kopf drehe, die Dame anlächle und den zu meinem Tarif gehörigen “Snack & Lunch” in Empfang nehme. Ist der nicht niedlich?

Es ist ein weißer Fiat Panda.

Durch das Parkhaus durch solle ich gehen, dann käme ich auf den Parkplatz und in Reihe B, Platz 15 stünde mein Fiat Panda. So erklärt es mir die junge Frau mit den schönen Locken freundlich. Sie hat mit mir Papier und Unterschriften getauscht, die Formalitäten sind erledigt und so ziehe ich meinen Koffer hinter mir her durch das Parkhaus. Kann ja nicht so schwer sein, einen Mietwagen zu finden. Denke ich, bis ich auf dem Parkplatz einen weißen Fiat Panda neben dem anderen stehen sehe. Oha.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Ich laufe zehn Minuten durch die Reihen, drücke auf dem Funkschlüssel herum und versuche so, das Zwinkern meines fahrbaren Untersatzes zu erhaschen. Doch leider blendet mich die Sonne und nirgendwo zwinkert mir ein Fiat Panda zu. Du kannst das nicht, du kannst das nicht! Kann ich sehr wohl. Ein Mitarbeiter mit einem Klemmbrett steht neben einem Renault, der genauestens von einem deutschen Ehepaar mittleren Alters untersucht wird. Der Mann mit dem Klemmbrett hilft mir, meinen Panda zu finden. Das Ehepaar mustert mich, widmet sich dann wieder dem Renault.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Geht doch. Da steht er. Mit der Schramme an der Schnauze, wie die Lockige am Schalter gesagt hat. Es kann los gehen. Kofferraum auf, Koffer rein, Handgepäck rein und dann ist nicht mal mehr Platz für eine Flasche Wasser. Wie gut, daß ich nicht den großen Koffer gekauft habe. Es wird mich übrigens drei Tage kosten bis ich endlich gelernt habe, mich in dieses kleine Auto zu falten ohne mir das Knie an der Mittelkonsole zu verbläuen. Das Auto ist klein, um nicht zu sagen winzig. Von einsteigen zu sprechen finde ich recht übertrieben, es fühlt sich mehr so an als würde ich mir das Auto anziehen wollen. Immerhin ist es atmungsaktiv und verfügt über elektrische Fensterheber. Ich meine, wenn es schon keine Klimaanlage besitzt … Es wird spontan nach zwei Kilometern auf den Namen “Flummi” getauft, so wie es motiviert über jede Bodenwelle hüpft.

… die Straße gleitet fort und fort …

Ich fahre und singe beschwingt mit dem Mann im Radio. Schon drei Minuten später hätte ich nicht mehr sagen können, wie der Song hieß, der da läuft während ich Cagliari hinter mir lasse und auf der Schnellstraße Richtung Westen fahre. Ich mach das wirklich, ich mach das ganz in echt! So jubel ich laut und euphorisch vor mich hin, die Strecke führt mich auf sonnenbeschienene Landstraßen, durch Felder und kleine Dörfer. Eine altmodische Faltkarte liegt auf dem Beifahrersitz.

Die ich zu Rate ziehe bei meinem kurzen Aufenthalt in Sarroch, wo ich mich vor dem versammelten Team eines Supermarktes zum Hampelmann gemacht habe. Ich spreche drei Brocken Italienisch und alles, was ich wollte, war die Info wo ich eine Toilette finden könne. Das steht nie in all den tollen Reiseblogs und Berichten und Reiseführern, wo man denn so wichtige Dinge erledigt wenn man den ganzen Tag Auto fährt und darauf verzichten möchte, Vorbeifahrenden den blanken Allerwertesten zu zeigen. Es gibt dort kaum Raststätten, wie wir sie kennen. Immerhin, der Supermarkt hat ein WC, ich bin erleichert und jetzt mit Wasser, Keksen und Obst zur Weiterfahrt gerüstet.

In hundert Metern bitte links abbiegen.

Auf der Motorhaube liegt meine Faltkarte in voller Pracht, ich präge mir ein wo ich lang fahren muss und dann geht es weiter. Hinaus aus Sarroch, weiter gen Westen. Weit komme ich nicht, bevor ich an meinem Orientierungsvermögen zu zweifeln beginne. Ich soll da links, das ist doch links? Also ich soll da auf die Straße abbiegen? Das kann nicht richtig sein. Das Smartphone wird zu Rate gezogen, die digitale Navigation sagt auch, ich soll da abbiegen. Okay, zwei zu eins, ich gebe mich geschlagen.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Und so falle ich das erste Mal von der Landkarte. Berg hoch, Berg wieder runter, die Straße wird immer enger und schlechter. Auf dem Asphalt sonnen sich die Eidechsen, ich kann sie vor meinem Panda davon flitzen sehen. Hinter einer Biegung stehen wie gemalt ein paar Kühe auf der Straße, die sehen gar nicht kumpelig aus. Vorsichtig passiere ich die gehörnten Tiere, folge weiter den Angaben “folgen Sie der Straße” meiner digitalen Navigation. Der Asphalt verschwindet und ich rumpel mit meinem Fiat über Bodenwellen und Schotter, eine dicke rotbraune Staubwolke hinter mir herziehend.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Das kann doch nicht richtig sein, doch meine Faltkarte sowie die digitale Navigation beharren darauf, im Recht zu sein. Anklagend weise ich auf den weiteren Weg, der den Einsatz eines Reittieres mit vier Hufen erfordert, drehe den Wagen und fahre dahin, wo ich her gekommen bin. Pft, es wird wohl noch einen bequemeren Weg nach Portoscuso geben.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Das kann einem auf Sardinien passieren, habe ich gelesen, in einem dieser vielen Reiseblogs. Ach guck, da sind die Kühe wieder, dieses Mal lasse ich es mir nicht nehmen, die Tiere zu fotografieren. Schön vom Auto aus, Aussteigen kommt nicht in Frage. Direkt am ersten Urlaubstag von Rindern in den Boden getrampelt zu werden stand nicht auf meinem Plan.

Mir fällt auf, ich habe seit dem Abzweig kurz hinter Sarroch nicht ein anderes Auto gesehen. Nicht mal ein geparktes. Immer wieder halte ich auf dem Gipfel an, steige aus, mache Bilder, sauge die Aussicht auf, genieße die Stille und atme tief den Duft des Frühlings auf Sardinien ein. Sardinien riecht toll im April, wenn die Macchia blüht. Ich bin froh, daß der Panda keine Klimaanlage hat, so fahre ich halt mit offenem Fenster und lasse mir den Frühlingsduft um die Nase wehen.

Alle Wege führen nach Rom. Oder Portoscuso.

Nach unserem Streit sind Faltkarte und digitale Navigation weniger aufmüpfig und so legen wir den Weg ohne weitere Zwischenfälle und Asphaltschwund zurück. Über kleine Landstraßen nähere ich mich meinem Ziel für heute abend, dem Fischerörtchen Portoscuso. Das mich erst einmal mit einem häßlichen Industriegebiet begrüßt. Dicke Schornsteine ragen in den Himmel, schön geht jetzt auch anders. Doch wenn man aufs Meer schaut, hat man die Schornsteine im Rücken, da stören sie nicht. Bevor ich mich jedoch ans Meer setzen kann muß ich mein Bed & Breakfast finden.

Obwohl Portoscuso nur 5.000 Einwohner treibt mich der Ortskern innerhalb weniger Minuten in den Wahnsinn. Die Gassen alle so eng, überall ist Einbahnstraße, ich weiß nie ob ich eine Straße oder eine Hofeinfahrt vor der Nase habe und meine Rechts-Links-Schwäche macht es nicht einfacher. Aufgeben ist nicht, ich kann das! Stelle dann in der vierten Runde durch den Ortskern fest, daß ich bereits drei Mal an meiner Unterkunft vorbei gefahren bin. Die Schilder, die auf die Bed & Breakfasts hinweisen, sind kleine Tafeln, die man nicht auf Anhieb sieht. Ich parke den Fiat Panda und gehe mit meinem Rucksack zur Promenade. Ich muss jetzt dringend aufs Meer gucken bevor ich mein Zimmer zum vereinbarten Zeitpunkt beziehe.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Auch dieser lange Tag endet.

Nichts los hier, ich bin der einzige Gast in dem kleinen Hafenrestaurant. Ich muss etwas essen, in meinem B & B lagen Visitenkarten des Restaurants aus, ich kann nicht nur von Keksen leben. Sie machen für mich sogar extra die Musik an, ich sitze auf der Terrasse und ich esse Culurgionis d’Ogliastra, Ravioli mit Kartoffelfüllung. Mit Blick auf den Hafen von Portoscuso und die Boote, die dort vor sich hin schaukeln. Offensichtlich sind Personen, die alleine essen gehen, nicht an der Tagesordnung, ich werde fragend von der Bedienung beäugt. Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen, an die Blicke.

Der lange Tag verabschiedet sich von mir mit einem wunderbaren Sonnenuntergang über dem Meer. Ich schaue der Sonne zu bis sie endgültig im Meer versunken ist, telefoniere mit Cookie und versuche, meine Videos bei Instagram hoch zu laden damit Cookie sowie Freunde und Familie meine Reise in kleinen Ausschnitten nachvollziehen können. Noch eben die Zähne putzen, dann endlich ins Bett. Noch bevor mein Kopf richtig auf dem Kopfkissen liegt bin ich eingeschlafen. Es war ein langer, guter Tag. Gute Nacht, Portoscuso.

Roadtrip Sardinien: von Düsseldorf nach Portoscuso

Sind Sie noch da? Tag zwei wird kürzer, versprochen. Er wird uns von Portoscuso nach Oristano führen, nebenbei lerne ich, was ein Tofet ist und den warum die Sarden alle diese winzigen Autos fahren. Wenn Sie mögen, dann sehen wir uns am 12. Dezember wieder hier. Haben Sie eine gute Zeit bis dahin.

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