Das andere links

Nun bitte das andere Links. Danke.

“Nein, nein, das andere links!!”

Ein Satz, den ich öfter mal höre. Meist dann, wenn ich rechts abgebogen bin und eigentlich links hätte fahren sollen. Ich habe eine Rechts-Links-Schwäche, die mitunter zu skurrilen und komischen Situationen führt. Für all diejenigen, die mir immer erzählen „Ja, aber rechts ist rechts und links ist links, wie kann man das denn verwechseln?“ habe ich einen passenden Vergleich parat.

Wenn ich zu Ihnen „Steuerbord“ oder „Backbord“ sage, wissen Sie dann auf Anhieb in welche Richtung Sie das Ruder reißen sollen? Vermutlich, es sei denn Sie segeln für Ihr Leben gern oder fahren beruflich zur See, müssen Sie einen Moment überlegen wohin Sie das Steuer drehen. Eben. Und exakt so geht es mir jedes Mal, wenn ich mit „links“ oder „rechts“ konfrontiert werde. Ich muß schlicht für einen Moment innehalten und überlegen, was denn jetzt was ist. So einfach ist das. Oder auch eben nicht.

Und jetzt drehen wir uns zur linken Seite.

Immer wieder beim Yoga. Die Yogalehrerin so „… und den Oberkörper nach links drehen.“ Alle gucken ordnungsgemäß zur Wand und auf die Hinterköpfe des Menschen neben ihnen. Ich hingegen gucke allen schön ins Gesicht. „Und jetzt den linken Arm und das rechte Bein heben.“ Alle heben brav die richtigen Körperteile in die Luft. Ich hingegen kämpfe arg mit meinem Gleichgewicht weil ich zumindest den richtigen Arm, dafür das falsche Bein in die Luft strecke und demzufolge ordentlich Schlagseite bekomme.

Manchmal mache ich es intuitiv richtig. Meistens jedoch nicht. Bis ich meine Gräten sortiert habe und mir im Klaren darüber bin, welchen Fuß ich aufsetzen und welchen Arm heben soll, ist der Rest der Gruppe schon drei Mal durch den Sonnengruß geturnt. Deswegen tanze ich auch nicht in der Öffentlichkeit. Ich wäre diejenige, die entweder ständig ihrem Partner auf den Fuß tritt, die anderen anrempelt oder deppert in der Gegend steht und ihre Stelzen in die falsche Richtung schwingt während der Rest der Gruppe munter durch den Saal walzt. Wenn ich tanze, dann tanze ich alleine in der Küche oder beim Staubwischen.

Biegen Sie in zweihundert Metern links ab.

Wenn ich Navigationsgeräte benutze mache ich die Sprachansagen aus. Die verwirren mich nur und im Gegensatz zu einem lebenden Beifahrer brüllt ein handelsübliches Navigationsgerät mich nicht mit „Das andere links, das andere links!“ an sondern kommt nur mit einem nüchternen „Route wird neu berechnet“ um die Ecke. Womit ich hingegen umgehen kann sind die Pfeile, die mir anzeigen wohin ich fahren soll. Funktioniert zumindest im normalen Hausgebrauch, bei komplizierten Autobahnkreuzen endet es schon mal damit, daß ich eine Ehrenrunde durch das gesamte Kreuz drehe um beim nächsten Anlauf dann die richtige Autobahn zu erwischen.

Menschen, die häufiger mit mir Auto fahren, lernen sehr schnell, mir mit Handzeichen anzuzeigen welches rechts oder links denn gemeint sei um eine ungeplante Rundreise zu vermeiden. Manchmal auch auf die etwas unsanfte Tour. So empfiehlt es sich nicht, auf meinem Beifahrersitz allzu ausladend zu gestikulieren beim Erzählen. Das kann im ungünstigen Falle schon mal dazu führen, daß ich auf dem Beschleunigungsstreifen einer Auffahrt lande und verwirrt nachfrage „Wo soll ich jetzt hier rechts abfahren?“

Und was ist mit Karten lesen?

Karten lesen geht. Ich drehe die Karten in Fahrtrichtung, also immer schön mit dem Finger von unten nach oben die Route entlang fahren. Je nachdem in welche Himmelsrichtung ich gerade unterwegs bin stehen dann eben die Straßennamen auf dem Kopf. Eine einfache Krücke, um mir beim Karte lesen bei der Richtungsfindung zu helfen, habe ich im Laufe der Zeit entwickelt. Muss ich die Gegenfahrbahn beim Abbiegen überqueren? Wenn ja, dann biege ich links ab. Wenn nicht, dann logischerweise rechts.

Sehr oft, bevor ich irgendwohin fahre, schaue ich mir die gesamte Route auf der Karte an und schreibe mir raus, wo ich wann wie in welche Straße abbiegen muß. Erstaunlicherweise klappt das recht gut obwohl ich mir rechts auf die 224 und links abbiegen in die Wieauchimmer-Straße aufschreibe. Ganz altmodisch nach Karte fahren zu können ist eine Fähigkeit, die ich während meiner Zeit als Kurierfahrerin wirklich lernen musste. Damals gab es noch keine erschwinglichen Navigationsgeräte und mit Mobiltelefonen konnte man nicht viel mehr außer Nachrichten verschicken sowie telefonieren. Wir bekamen kopierte Karten (auf denen man selten etwas lesen konnte) und kryptische Wegbeschreibungen in die Hand gedrückt (an der Ampel rechts … an welcher der fünf Ampeln auf dieser Straße bitte genau? Eben.) anhand derer wir die Touren zu fahren hatten.

Ich kann das noch heute und da bin ich ganz dankbar drum. Trotz Navigationsgeräten und Möglichkeiten, sich vom Smartphone leiten zu lassen. Ich präge mir einfach die Karte ein und selbst wenn ich falsch abgebogen sein sollte, ich finde dennoch an mein Ziel. Auch heute noch kann ich mir einen einmal gefahrenen Weg einprägen, brauche somit kein rechts und links mehr sondern fahre einfach die gespeicherte Strecke in meinem Kopf ab. Funktioniert allerdings nur, solange ich selber am Steuer sitze. Soll ich vom Beifahrersitz aus jemanden leiten, dann endet das oft mit wildem Gefuchtel meinerseits und „Da lang, nein nicht da, da in die Straße rein!“

„Das andere links!“ ist immerhin amüsant.

Anders kann ich mir nicht erklären, daß meine Mitmenschen immer anfangen zu lachen wenn ich mal wieder irgendwo falsch abgebogen bin, beim Sonnengruß meine Gräten nicht sortiert kriege oder vor dem falschen Regal im Baumarkt stehe. Hilfreiche Hinweise wie „rechts ist da, wo der Daumen links ist“ erheitern meine Mitmenschen auch ungemein, helfen mir allerdings ebenso viel wie die sprichwörtliche Frikadelle am Knie.

Im Übrigen ist diese Geschichte mit rechts und links nicht auseinander halten können weiter verbreitet als ich glauben mochte. Sie betrifft nicht nur Frauen, auch wenn man uns das immer nachsagt, und erst recht hat sie nichts mit Intelligenz, besser deren Abwesenheit, zu tun. Ich bin nicht dumm nur weil ich die beiden Richtungen sehr häufig nicht auseinanderhalten kann. Da hört der Spaß dann für mich auch auf um ehrlich zu sein. Ich kann mit meiner Schwäche leben, denn genau das ist diese Richtungsgeschichte. Eine Schwäche, die ich mir mit vielen Menschen teile. Keine Dummheit. Danke.

„Dann sieht sie immerhin was von der Gegend.“

Zugegeben, es kann einen in den Wahnsinn treiben wenn man mit mir Auto fährt, fragen Sie mal meinen Fahrlehrer, wenn er denn noch unter den Lebenden weilt. Schließlich habe ich es selbst in meiner Fahrprüfung vor sehr vielen Jahren geschafft, falsch abzubiegen. Sehr zur Erheiterung des Fahrprüfers, der mir mit den Worten „Sie sind sehr schön und vorschriftsmäßig links abgebogen, aber welchen Teil von rechts abbiegen haben Sie nicht verstanden?“ einen Heidenschreck einjagte. Bestanden habe ich übrigens trotzdem. Und seitdem eine Menge Gegend gesehen, die ich ohne meine Rechts-Links-Schwäche wohl nicht zu Gesicht bekommen hätte.

Falls Sie mich also einmal im Zug treffen sollten, nehmen Sie einfach nach der Ansage „Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung rechts“ die Türe, vor der ich nicht stehe. Die Chance, daß Sie im Gegensatz zu mir aussteigen können ohne erst gewaltsam eine Türe öffnen zu müssen, die aufs Gleisbett statt den Bahnsteig führt, ist ziemlich hoch.

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