Im Schlafanzug schläft man. Oder?

Wir haben seit einiger Zeit wieder Hunde im Haus. Das begeistert mich jetzt nur so mittelmäßig. Der Dreck stört mich weniger, wir zahlen einen kleinen Betrag für eine wöchentliche Reinigung des Treppenhauses. Damit hab ich also nix am Hut. Was mich aber echt auf die Palme bringt ist andauerndes Gekläffe. Hatten wir ja schon mal, mit der Familie die über uns gewohnt hat. Genau, die merkwürdige Mischpoke gegen die selbst die Flodders zu wünschenswerten Mitbewohnern werden. Jetzt haben wir wieder zwei Hunde im Haus. Der neue Mieter hat seine zehn Jahre alte Hündin mitgebracht, die aussieht wie eine Mischung aus einem zu groß geratenen Dackel und einer Drahtbürste. Die hört man nur dann wenn die Postbotin schellt. Was an sich ja nicht schlecht ist wenn der Hund anzeigt „Hömma, da iss wer im Haus!“ Der kleine Handtaschenhund der Nachbarin hingegen hat offensichtlich ein Problem damit, alleine die Wohnung zu bewachen während der Flimmerkasten läuft. Oder er kritisiert nur sehr ausdauernd das Programm im Fernsehen, das kann ich jetzt nicht mit Bestimmtheit feststellen.

Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann ist folgendes: es nervt mich ungemein wenn das Tier über Stunden vor sich hin kläfft. Das nervt mich nicht nur, das macht mich früher oder später aggressiv. Und das ist nicht schön. Für mich nicht und für meine Umgebung nicht. In meiner Umgebung befindet sich meist Cookie, der ist dann irgendwann genervt weil ich aggressiv bin. Das macht keinem sonderlich viel Spaß. Zumal ich echt schon dachte, der Frau wäre was passiert. Ich mein, Fernseher an und Hund kläfft als bekäme er da Geld für, nicht daß die ohnmächtig geworden ist oder Schlimmeres. Weiß man ja nicht.

Heute morgen wieder. Ich stehe in der Küche, so frisch nach dem Aufstehen und höre so aus dem Treppenhaus: „Nein, geh wieder rein. Die Mama kommt ja wieder.“ Tja. Kaum ist die „Mama“ aus dem Haus fängt der Hund prompt an zu kläffen. Und hört die nächste Stunde auch nicht auf. Mein Blutdruck steigt in ungeahnte Höhen, der Aggressionspegel schwappt so Richtung Oberkante Unterlippe und schwupp, die Laune ist im Keller. Nun kommt erschwerend noch hinzu daß ich gerade absolut hormongesteuert bin. Und das nicht auf die erfreuliche Weise. Trotzdem, ich unternehme der Versuch mich zusammen zu reißen und denk mir „Die ist ja nicht da, die kann ja gar nicht hören daß der Hund kläfft!“ Da stehe ich dann in Schlafklamotten in meinem Flur, kaue auf meiner Unterlippe herum und bin erstmal ratlos.

Ich mein, so ein klarer und vor allem logischer Gedanke, obwohl das blutrünstige Hormonmonster in mir ständig brüllt „Tret die Türe ein! Tret der die Türe ein! Mach, das der Lärm endlich aufhört!“ Mach ich besser nicht. Geht übrigens auch nicht so einfach wie man das immer im Film sieht. Echt nicht. Stattdessen überlege ich mir, daß ich der Nachbarin einen Zettel an die Türe hänge. So nach dem Motto:

Hömma Frau Nachbarin, Du bist zwar grad nich da und kannst dat nich hören, aber Dein Hund bellt die ganze Zeit. Der will nich alleine sein, woll? Mach da ma wat gegen oder nimm ihn halt mit. Danke.

Hab ich dann schön ordentlich auf einen Zettel geschrieben und bin in Schlappen und Schlafklamotten ins Treppenhaus. Stehe da so mit meinem Zettel vor der Türe, will den fest kleben und habe die Erleuchtung, daß ich dafür vielleicht auch Tesafilm oder so etwas benötige. In dem Moment, wo ich realisiere, daß ich den Zettel nicht mit Blicken an die Türe nageln kann drehe ich mich herum und höre ein sehr lautes, sehr deutliches „KLICK“.

Und so stehe ich im Treppenhaus vor verschlossener Türe. In Schlappen. Und Schlafklamotten. Mache ein vermutlich sehr, sehr dämliches Gesicht und rüttel an der Tür. Interessiert unsere Wohnungstür nicht. Die ist da sehr stoisch veranlagt. Wenn die zu ist, dann ist die zu und ohne Schlüssel ändert die ihre Meinung auch nicht nur weil ich wie eine Irre an dem Türknauf herum hantiere. Ich kann nicht empfehlen mit Schlappen an den Füßen vor lauter Wut gegen die Tür zu treten. Das ist schmerzhaft und die Tür juckt das nicht. Nicht mal ein bißchen.

Tja. Außer mir und zwei Hunden ist keiner im Haus. Im Übrigen hat der Handtaschenhund die ganze Zeit fröhlich weiter gebellt. Was meine Laune nicht unbedingt verbessert hat. Also habe ich mir gedacht, dann gehe ich unten in den Laden und frage da nach ob ich mal telefonieren darf. Ich in Schlappen und Schlafklamotten vor die Haustüre. Dumm nur, daß da noch niemand war. Und nein, natürlich habe ich nicht daran gedacht die Haustüre offen zu lassen. Warum auch?

Ich wollte schon immer mal wissen wie das so ist wenn man total verstrubbelt, ungewaschen und in Gammelklamotten auf der Straße steht. Echt, probiert das mal aus, ist eine ganz neue Lebenserfahrung! Nun hatte ich allerdings vorher bemerkt, daß die Türe zum Hof offen stand. Somit war zumindest die Möglichkeit gegeben wieder ins Haus zu gelangen. Am Besten bevor der nächste Regenschauer einsetzt. Um nun auf unseren Hof zu kommen muß man allerdings einmal um den Block laufen weil der Eingang über das Nachbargrundstück führt.

Hab ich dann auch gemacht. Einmal in Schlappen und sehr dünnen Klamotten, die ich unter normalen Umständen nicht einmal anziehen würde um den Müll runter zu bringen, um den Block laufen. Wenn ich zügig genug laufe merke ich auch nicht wie kalt das gerade ist. Soviel zum Thema Sommer. Auf dem Hof angekommen stelle ich fest, daß der Nachbar aus dem Hinterhaus mittlerweile zu Hause ist. Der ist so freundlich und läßt mich telefonieren. Und weil ich nur zwei Telefonnummern auswendig kenne, nämlich Festnetz Eltern und Handy Cookie, rufe ich Cookie an. Und beichte, daß ich mich ausgesperrt habe. Die Details lasse ich weg, ich bin schon deprimiert genug in meinem aktuellen Aufzug im Flur des Nachbarn zu stehen und meinem Freund erklären zu müssen daß seine dusselige Freundin mal wieder einen strahlenden Ritter auf weißem Pferd benötigt.

Cookie hat mich dann auch gerettet. Da er aber nun nicht direkt um die Ecke arbeitet sondern ein ganzes Stück fahren muß und auch nicht sofort alle Plörren hinwerfen konnte, saß ich im Treppenhaus fest. War sehr kalt, zugig und verdammt langweilig. Der Hund hatte auch nix interessantes zu erzählen außer einer leichten Variation von „Wau, wau, wau“. Der kleine Grundschüler von oben war jetzt auch nicht so die Konversationsbombe. Vielleicht sollte ich für das nächste Mal vorsorgen und ein kleine Auswahl Bücher, eine Decke und ein Kissen irgendwo im Treppenhaus verstauen. Falls ich mal wieder darauf warten muß daß mich jemand in meine Wohnung läßt. Ist ja schließlich nicht das erste Mal. Zweieinhalb Stunden später erlöst Cookie das frierende, verstrubbelte und müffelnde Elend.

Das geht dann erst einmal warm duschen. Danach literweise heißen Tee trinken, dicke Wollsocken anziehen und mit Jacke im Arbeitszimmer vor dem PC sitzen und sich das Elend vom Leib schreiben. Ach ja, den Zettel hab ich dann übrigens nicht mehr gebraucht. Kurz bevor Cookie nach Hause kam tauchte auch die Nachbarin wieder auf. Ob die jetzt durch das Zähneklappern hindurch verstehen konnte was ich gesagt habe weiß ich allerdings nicht.

Aber Hauptsache, jetzt ist Ruhe.

5 Gedanken zu „Im Schlafanzug schläft man. Oder?“

  1. Das ist eine coole Geschichte, Mirtana : )
    Und auch ich kann den Lärm kläffender Hunde nicht ertragen und wehe man sagt da was, da ist man gleich ein Hundehasser. Ich bin sehr tolerant, aber bei Dauerkläffen hört es bei mir auf.

    1. Cool im Sinne von „kühl“ trifft es ganz hervorragend 😉

      Ich bin phasenweise unheimlich lärmempfindlich und dann schnell von so Sachen wie andauerndem Kläffen oder Geschrei sehr genervt. Die Kirchturmuhr nebenan, die nun wirklich viertelstündlich die Zeit anzeigt, nehme ich hingegen gar nicht mehr wahr.

  2. Pingback: Foto der Woche #25
  3. Gnihihihihi, danke sehr! 😀 Ich hab jetzt gerade die Vorstellung gehabt, was ich wohl über Dich gedacht hätte, wenn ich da gerade anner Straße langgelaufen wäre und so ne Verstruwwelte wäre Schlafanzug um die Hausecke getigert… 😀
    Mir ist das übrigens auch einmal passiert und ich hatte – im Ernst jetzt – nur ein Badehandtuch um, der Klassiker. Ich wollte ebenfalls der Nachbarin einen Zettel anbringen. Ein anderer netter Nachbar hat mich dann telefonieren lassen – mein Gott war das peinlich, der dachte vermutlich, ich will ihn angraben mit so nem superollen Trick.
    LG /inka

    1. Oookay, Handtuch schlägt Schlafanzug! Um Längen 🙂 Sehr tröstlich, daß anderen so etwas auch passiert. Ich fühl mich dann nicht mehr so alleine in meiner komischen Welt.

      Ich weiß zumindest sehr genau, was ich gedacht hätte wenn ich da so eine Strubbeltante im Schlafanzug gesehen hätte. Und es wäre nicht nett gewesen 😀

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