Worte zum Sonntag. Heute: Schmerz & Fotoserie.

Cookie schleift Messer in der Küche. Seit zwei Stunden ertönt das Geräusch von Klingen, die über einen Schleifstein geführt werden. Seit zwei Stunden höre ich, um dagegen zu halten, Chopin über Kopfhörer. Während ich Dellen in die Couch sitze. Ich liebe unsere Couch. Die hat sich im Laufe der Jahre so wunderbar an meine Körperform angepaßt. Nun sitze ich nicht nur einfach Dellen in unsere Couch. Das könnt ja jeder.

Ich sitze mehr so wie alte Frau mit Wärmflasche für die schmerzende Rückseite Dellen in unsere Couch. Die Autorin dieser Zeilen hat Rücken. Gerne würde ich jetzt eine superduper lustige Geschichte erzählen, in der die Leserschaft dazu verführt wird herzhaft über eben erwähnte Autorin dieser Zeilen zu lachen. Dummerweise gibt es keine superduper lustige Geschichte wie ich in den Genuß kam nun auf einmal Rücken zu haben.

Die schnöde Wahrheit will doch keiner wissen. Oder? Nun, für den Fall, daß es doch noch jemanden interessiert … Ich habe mir beim Betten beziehen den Rücken verdreht. Richtig. Während ich Cookies Bettdecke in ein sauberes Gewand zwängte machte es auf einmal „Knircks“ im Rücken während sich irgendwo in der Nähe des „Knircks“ unverhofft ein Muskel verkrampfte. Seitdem besser mit Wärmflasche im Rücken Dellen in die Couch sitzen und sich wie Ömmaken fühlen.

Wo ich doch dachte ich hätte wenigstens diesen Scheiß endlich los. Falsch gedacht. So schnell rächt sich das also wenn man sein Sportprogramm böse schleifen lässt. Wobei jetzt „schleifen lassen“ auch nicht die korrekte Wortwahl ist. Mehr so … einschlafen lassen. Weil, irgendwas ist ja immer. Erst biste im Urlaub, dann biste erkältet, dann ist das Auto wech und überhaupt ist morgens dunkel und kalt und … und … und … Schöne Scheiße. Wer rastet, der rostet. Offensichtlich bin ich schon alt genug um zu rosten wenn ich raste … Grmpf.

Was macht man denn so an einem sonnigen Adventssonntag wenn man mit Rücken und Wärmflasche Dellen in die Couch sitzt? Bestimmt nicht mit einer Kamera vor dem Gesicht komische Verrenkungen machen und die anderen Besucher der Zeche Zollverein mit der Frage beschäftigen, was genau diese seltsame dicke Frau da eigentlich so treibt und ob man das überhaupt genauer wissen möchte. Das sah die Planung ursprünglich für diesen schönen sonnigen Adventssonntag vor.

Dann kam das „Knircks“ und der Rücken und das heißt dann eben nicht fotografieren gehen auf Zollverein. Pöööh. Stattdessen surfe ich auf der Suche nach Fotoserien durch das große weite Internet. Und stolpere überall über diese nichtssagenden Artikel, in deren Überschrift immer eine Zahl, die ultimativen Tips oder Ratschläge sowie ein Wort wie verbessern, nächstes Level oder ähnlichen Bullshit enthält. Man kennt das. Drölfzig ultimative Tips um deine Blogbilder ins nächste Level zu katapultieren. Oder so ähnlich. Weil ich nicht finde was ich suche schaue ich auf der elektronischen Bucht nach alten Mittelformat-Kameras … Keine gute Idee. Nicht mal im Ansatz eine gute Idee. Denn da tauchen dann immer so plötzlich und unerwartet ominöse Nachrichten auf wie „Glückwunsch, Du bist Höchstbietender!“ …. Ooops. Kann mich bitte einer überbieten? Ich brauche echt keine defekte Kiev 60 …

Fotoserie. Ich suche Input zum Thema Fotoserie. Was macht eine gute Fotoserie aus? Wie konzipiert man sie? Und wie kommt man von der vagen Idee zu den Bildern, die man im Kopf hat? Ist dieses Fotografieren mit Konzept überhaupt was für mich oder sollte ich die Finger von solchen Geschichten lassen? Kann ich das überhaupt, so in Serie fotografieren?

Ich habe das vergangene Jahr mit mir und meiner Art zu fotografieren echt arg gehadert. Nicht gut genug, nicht aussagekräftig, nicht spannend und immer das Gleiche. Dieses Gefühl irgendwo fest zu stecken, sich nicht weiter zu entwickeln. Ich kenne den Zusammenhang von Blende, ISO und Belichtungszeit. Nicht nur in der Theorie, auch in der Praxis. Ich kann meine Digitalkamera blind bedienen, bei den analogen kommt es immer noch auf das Modell an. Dennoch hilft mir all diese Theorie nicht wirklich bei meinem Problem des nicht gut, aussagekräftig, spannend, bla blub genug …

Es sind zu viele Bilder. All diese perfekten Bilder, die über Social Media Kanäle in meine Aufmerksamkeitsspanne fluten, setzen eine unglaublich hohe Messlatte, die ich wiederum ständig an meine eigenen Bilder anlege. Klar, die eigenen Bilder rauschen da glatt drunter her. Total deppert. Ich weiß schließlich wie der Hase in Sachen Bildbearbeitung bis zur Perfektion so galoppiert und so viele dieser schönen, schicken, perfekten Bilder habe ich schon in etlichen Ausführungen woanders gesehen. Halt diese Instagram-Trends. Alles überbelichtet, immer schön von oben und möglichst viel weiß und hell und so. Und eine Kaffeetasse ist immer irgendwo mit im Bild. Man kennt das.

Also habe ich einfach den Versuch unternommen die Bilderflut zu reduzieren. Instagram öffne ich nur noch alle Jubeljahre mal und halte mich dann meist nicht lange damit auf. Die ganzen schön gebügelten Blogs mit ihren hellen, netten Fotos, die doch alle irgendwie ähnlich sind und auf denen immer eine Kaffeetasse versteckt zu sein scheint, habe ich aus der Blogroll geworfen. Auf Facebook habe ich die Gruppen aussortiert, in denen es um bestimmte Ausrichtungen in der Fotografie ging. Sorry, aber ich kann einfach keine mysteriös guckenden jungen Frauen, die sich irgendwelches Grünzeug vor das Gesicht halten, mehr sehen.

Ich habe stattdessen viel über Fotografen gelesen. Über Ansel Adams, Henri Cartier-Bresson, Annie Leibovitz, Sebastião Salgado, Bernd und Hilla Becher, Nan Goldin. Interessante Persönlichkeiten. Ab und zu habe ich mir einfach die Zeit genommen um mich mit einem einzelnen Bild eines berühmten Fotografen auseinander zu setzen. Warum mag ich es, was gefällt mir daran besonders, was löst es in mir aus?  Ich habe mich immer mal wieder mit Fotografie beschäftigt – ohne in der Zeit eine Kamera zur Hand genommen zu haben.

Statt mich also über das eigene Unvermögen, ansprechende und gute Bilder zu machen, zu ärgern oder die eigene Weiterentwicklung zu blockieren, ist irgendwann etwas ganz anderes passiert. Plötzlich hatte ich wieder Ideen für Bilder. Die ich ohne darüber groß nach zu denken erst einmal in ein kleines Notizbuch gekritzelt habe. Damit ich die Ideen nicht vergesse. Und plötzlich hab ich wieder Bock auf Kamera in die Hand nehmen, Bilder machen, mich mit der Technik meiner alten, funktionsfähigen Schätzchen zu beschäftigten. Ideen in Bilder umsetzen.

Alles, was ich jetzt noch brauche um meine Ideen schmerzfrei auf Film und Sensor bannen zu können ist eine funktionierende Rückseite ohne verkrampfte Muskulatur. Ich und meine Wärmflasche, wir arbeiten daran.

Ach ja, überboten hat mich, zum Glück, am Ende der Auktion auch jemand. Eine kaputte Kiev 60 für einen fast dreistelligen Betrag brauche ich nun wirklich nicht.

Oder?

8 Gedanken zu „Worte zum Sonntag. Heute: Schmerz & Fotoserie.“

  1. Erstmal gute Besserung von einer, ansonsten stillen, Mitleserin! Rücken tut weh, aber Wärmflasche und Delle in die Couch sitzen ist schon mal ein guter Ansatz für die Heilung 🙂

    Was Deine Gedanken zu Deinen Fotos und Fotoserien angeht: mach Dein eigenes Ding! Das, was ich bisher hier sehen konnte (ohne groß etwas von Fotografie zu verstehen), hat mich immer berührt. Das bist DU. Mit Deinen Augen sehen zu können, Kleinigkeiten liebevoll in Szene gesetzt – ich denke da an Mr. Wood oder die Zechenfotos, deine Strickmomente und und und …. – zeugt von Ideen und Freude am fotografieren. Und das ist in meinen Augen das wichtigste. Nicht, was andere erwarten von Deinen Bildern. Du bringst Deine Gefühle und Ansichten auf den Fotos rüber. Und das ist das, was in meinen Augen zählt. Mach weiter so kann ich da nur sagen.

    Hab‘ eine schöne Adventszeit mit Cookie und allen die Du liebst, werde und bleib gesund und komm gut rein ins neue Jahr.

    1. Vielen lieben Dank für die Genesungswünsche – bin kräftig dabei 🙂

      Du hast Recht, das eigene Ding machen ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch der Faktor, der den größtmöglichen Spaß an der Sache bringt. Zu viel Nachdenken über die Erwartungen anderer und sie sich selber zu eigen machen erstickt den Spaß einfach. Und exakt das ist mir hier passiert.

      Danke für die freundliche Erinnerung einfach mein Ding durch zu ziehen. 😉

      Dir auch eine schöne Adventszeit!
      Liebe Grüße,
      Mirtana

  2. Ooohja, haha, Manu (seiltanz) und ich haben uns in Kanada als Running Gag jedes Mal, wenn wir in Facebook schauten, diese Titel gegenseitig an den Kopp geballert: 7 Gründe, weshalb Du nach xy reisen musst, die 10 ultimativen Weisheiten, die ich durchs Reisen gelernt habe, blablabla. Na klar, das mag MAL sinnvoll sein, aber mich nervt das so, dass ich da aus Protest nicht draufklicke und ich hoffe, ich erstelle nie solche Titel (ok, ich hab einen, und das ist fantastischerweise mein zweitbester laufender Titel, jetzt weeste, wie der Hase looft, hmpf).
    Und bytheway, brauchst gar nicht so erstaunt zu gucken, natürlich lese ich hier immer noch mit. Ich bin nur leider etwas faul beim Kommentieren geworden.

    Zu Deinen Fotoüberlegungen seufze ich ein jajajajaja mit. Vielleicht ist das normal? Ich weiß es nicht, aber seit langem habe ich das Gefühl, außer Knipserei nichts mehr zu tun. Das ist auch mal ok, mal nervt es mich aber. Ich wollte doch mal ein bisschen mehr Tiefgang haben… naja, jetzt wiederhole ich Dich. Ich weiß nicht, was man da machen kann, außer weiter fotografieren und vermutlich es genau so richtig machen wie Du: Gute Fotografen angucken, überlegen, warum man Dinge toll findet und andere nicht, schlechte banale Sachen ausblenden.
    Serien sind eigentlich super, ich hab leider entweder relativ banale oder so schwierige, dass ich sie nicht beende. Aber: Eine veröffentliche ich am 4. Advent! Das ist nix Herausragendes, aber es ist quasi meine erste Serie, an der ich immer wieder nachgeschossen habe.
    Ich wünsch Dir schnell gute Besserung und sage Danke, denn mir wärmen Deine Artikel jedes Mal ein bisschen das Herz, ehrlich. Liegt eventuell an mancherlei ähnlicher Auffassung, oder dass Du Worte findest für manche Umstände, die mich beschäftigen, keine Ahnung. Jedenfalls zum Ende des Jahres: Danke. 🙂
    Liebe Grüße
    /inka

    1. Ich hab immer noch irgendwo einen angefangenen Artikel „Zwölf ultimative Wege mich als Leser endgülig los zu werden“. Vielleicht sollte ich den mal zu Ende schreiben 😉 So just for fun. Ich lese diese reißerisch betitelten Beiträge mittlerweile auch nicht mehr, zu mal da meistens keine wirkliche Substanz hinter steckt. Diese Art von Artikel bieten mir einfach keinen „Mehrwert“ (boah, auf das Wort kann ich ja auch abgehen …), die sind mir zu oberflächlich. Da kriegste dann zwei, drei Sätze vor den Kopp geknallt und hast am Ende auch null Wissen mehr.

      Es freut mich, daß Du hier noch mit an Bord bist! Ich kenne das, ich werde zeitweise auch immer wieder sehr kommentierfaul – auch wenn ich immer noch regelmäßig Blogs lese.

      Ich habe jetzt eine Serie angefangen … in analog. Also so auf Film und meiner Pentax Super A. Da bastel ich seit einigen Tagen dran und ich freu mich aufs Wochenende, endlich wieder mit Kameras spielen. Und Tageslicht sehen. Im Dunklen aus dem Haus gehen, im Dunklen nach Hause kommen – da macht mir als Available Light Fetischistin das Fotografieren auch nicht so den Spaß 😉

      Für nächstes Jahr werde ich mir wieder ein regelmäßiges Foto-Projekt mit einem Thema suchen, auf das ich echt Bock hab. Und fern ab von Instagram und der Bilderflut da draußen einfach mal machen was mir Spaß macht. Bin gespannt was dabei herum kommt.

      Ich bin gespannt auf den vierten Advent!

      Liebe Grüße,
      Mirtana

    2. Tja, aus dem vierten Advent wurde nun der dritte, weil der dritte nicht fertig geworden ist. 😉 Eventuell biste jetzt enttäuscht, keine intellektuelle Serie sondern schlichte Eiskristalle. Nuja. Ich mag das trotzdem mega und wünsche mir Schnee. Nicht allerdings die Dunkelheit, denn da hast Du Recht, an Arbeitstagen kann man fotografieren echt vergessen, bis auf seltene Ausnahmen fotografiere ich ja auch nur mit available light. Und frage mich ein bisschen panisch, wie ich das in einem Monat in Lappland machen soll. Ich hoffe ja, dass das eben doch hell genug ist, auch wenn die Sonne nicht überm Horizont ist, aber wie macht man das mit Rentieren, die ja nicht so lange für die Kamera auf dem Objektiv stillhalten? Superhohe ISO nehmen und verrauschte Bilder in Kauf nehmen? Oder sollte ich ne Taschenlampe dabei haben, um ein bisschen nachzuhelfen? Blitzen kommt für mich nicht in Frage, das kann ich nicht und hab kein Equipment dafür.
      Jetzt weißt Du auch schon, wie das bei mir so läuft: Ich teste mich gerade aus, indem ich mich in Projekte stürze, die neu sind, übenübenüben eben.
      Und ich sollte mir nochmal meine Fotoprojektideen vornehmen, vielleicht führe ich da auch mal welche weiter.
      Bin jedenfalls sehr gespannt, was ich von Dir lesen und sehen werde. Aber: Bloß kein Druck! 😉
      Liebe Grüße
      /inka

      Ah, PS: Der Artikel: UUUUuuuuunbedingt fertigschreiben. Allein der Titel… 😀

    3. Ich hab keine großen intellektuellen Ansprüche … Weder an Wein noch an Bilder. Ich muß nicht in blumigen Worten erklären können warum mich Bilder faszinieren 😉 Da bin ich echt einfach gestrickt. Und Hammer, daß die Schneekristalle „nur“ mit einer Bridgekamera entstanden sind. Kein Grund zur Enttäuschung, so auf meiner Seite.

      Lappland? Bring mir ein Rentier mit! Ich nehme das auch in verrauscht, sofort. Ich kann das übrigens genauso wenig, das Blitzen. Mangels Erfahrung und mangels Ausrüstung. Ich hab nur den Kamerablitz, das kannste knicken. Von daher ist das mit dem Tageslicht grad echt bissel doof. Vielleicht habe ich deswegen einen 3200 Iso Film in meine Revueflex gepackt? 😀

      Üben, üben, üben … Klingt wie ein brauchbarer Plan. Absolut. Steht mir mit meinem Makro-Objektiv noch bevor, da freue ich mich auch ungemein drauf. Und analoges Fotografieren, auch üben, üben, üben. Leider ist da die Lernkurve so ungemein langsam, wenn man immer erst warten muß bis die Bilder aus der Entwicklung wieder zurück sind.

      Liebe Grüße,
      Mirtana

      P.S.: Ich schreib ihn mit Sicherheit zu Ende, den Artikel. Bei Punkt acht bin ich schon, Punkt neun bis zwölf brauchen noch ein wenig … sagen wir mal … sprachlichen Feinschliff 😀

  3. Liebe Mirtana,
    gerade bin ich irgendwie auf deinen Blog gestolpert und hab hier und da ein bisschen gelesen 🙂
    gerade diesen Artikel mag ich und das wollte ich dir nur kurz sagen. ein paar spannende Aspeke, die du da ansprichst.
    südöstliche Grüße & bis bald, Anne.

    1. Liebe Anne,

      herzlich willkommen, ich hoffe Du hast Dir nicht versehentlich die Zehen hier irgendwo gestoßen beim Stolpern 😉

      Vielen Dank für Deine netten Worte, ich freue mich sehr darüber! Als „Hybrid“ Knipser sitze ich einfach oft zwischen den Stühlen, das ist nicht sehr bequem und dann muß ich mir Luft machen.

      Liebe Grüße!
      Mirtana

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