Die Kunst des langsamen Gehens.

Hände hoch wer sich seit März letzten Jahres nicht ebenfalls in der Kunst des langsamen Gehens geübt hat. Was bleibt auch anderes übrig, wenn die sonst gerne genutzten Sportstätten die Türen fest verschlossen halten müssen? Eben. Die einfachste Form der Fortbewegung. Oder, wie der Fachmann sagt, die Promenadologie. Der bitte was? Und nein, das habe ich nicht erfunden, es gibt tatsächlich eine Spaziergangswissenschaft.

Ich gestehe, ich habe mich im Frühjahr 2020 nicht den Horden angeschlossen, die plötzlich wild überall das Spazieren gehen praktizierten. Statt zu gehen habe ich es vorgezogen, die leeren Straßen zu nutzen und bei jeder sich bietenden Gelegenheiten kleine Feierabendrunden auf dem Moped zu drehen. Der Trend war vermutlich schon längst wieder tot als ich endlich auf den Zug aufgesprungen bin.

Die unschöne Vorgeschichte.

Wieso übe ich mich jetzt plötzlich in der Kunst des langsamen Gehens wenn der Gaul doch schon tot geritten ist? Ehrlich gesagt hat diese Epidemie, in der wir immer noch stecken, nur am Rande etwas mit meiner plötzlichen Affinität zu Frischluft zu tun. Wie ich hier schon öfter erzählt habe, ist meine liebste Art der körperlichen Ertüchtigung das Schwimmen. Was zum größten Teil in den vergangenen fünfzehn Monaten nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich war. Ich will keine fünf Formulare ausfüllen um dann eine Stunde hinter irgendwelchen quatschenden Enten im Kreis dümpeln schwimmen zu dürfen.

Ich hab mich also nicht nur kaum bis gar nicht mehr bewegt, ich hab dadurch blöderweise an Gewicht zugelegt. Und nicht nur das, für meinen Blutdruck und die gesamte Konstitution war diese Situation schlicht katastrophal. So saß ich also Anfang des Jahres nach einer gründlichen Untersuchung, auf die man in meinem Alter in gewissem Turnus ja einen Anspruch hat, mit dem Befund “essentielle Hypertonie Grad I” da. Bluthochdruck kann böse Folgeschäden nach sich ziehen, deswegen fand ich mich mit einem Rezept für ACE-Hemmer in der Apotheke wieder.

Schöne Scheiße. Mit einer Pille fängt es an und ehe man sich versieht, hat man morgens, mittags und abends ein buntes Sammelsurium an Tabletten, die man schlucken soll. Will ich das? Ja natürlich, Tablette ist bequem. In den Schlund damit und das Problem ist weg. Doch ist es das wirklich? Irgendwo kommt der Bluthochdruck schließlich her. Ich käme auch nie auf die Idee, wenn die Motorkontrolllampe meines Autos leuchtet, das Glühbirnchen rauszudrehen und mich dann im Glauben zu sonnen, das Problem wäre weg. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde das kein Mensch tun, sondern mit dem Auto in die Werkstatt fahren und den Fehler beseitigen lassen. Aber mit unserem Körper machen wir genau das wenn wir gegen jedes Wehwehchen einfach nur eine Tablette einwerfen…

Wie jetzt, Auto in die Werkstatt…?

Natürlich bin ich weder ein Auto noch habe ich Lämpchen, die mir einen Defekt des Motors anzeigen und mich freundlich auffordern, doch bitte eine Reparatur zu veranlassen. Ich hab Symptome, die mir zeigen daß was nicht stimmt und da ich mich nicht einfach reparieren lassen kann brauchte ich einen Plan, wie ich aus der Nummer möglichst wieder raus komme. Plan B lief darauf hinaus, daß ich meine Mittagspausen dazu nutze, spazieren zu gehen. Bei jedem Wetter. Ja, auch bei Regen. Die Grenze ziehe ich bei Gewitter – es erscheint mir ein wenig waghalsig bei vom Himmel zuckenden Blitzen mit einem Regenschirm in der Hand durch die Gegend zu laufen. Fünf Tage die Woche eine halbe Stunde Bewegung an frischer Luft sind immerhin zweieinhalb Stunden mehr als gar nichts.

Seit Anfang Januar gehe ich nun jede Mittagspause spazieren und lege dabei, je nach Strecke, zwischen zwei und zweieinhalb Kilometer zurück. Das macht in der Woche immerhin mindestens zehn Kilometer, die ich hinter mich bringe in dem ich einfach einen Fuß vor den anderen setze. Um die Ecke vom Büro liegt ein kleiner Park und Kleingartenanlagen, ich muß mir somit nicht täglich irgendein eintöniges Industriegebiet per Pedes zu Gemüte führen. Damit die ganze Sache nicht langweilig wird, variiere ich die Strecken und habe immer eine Kamera dabei.

Die Kunst des langsamen Gehens und Fotografieren?

Ja, das geht. Es geht sogar ganz hervorragend. Sehr schnell habe ich gemerkt, daß diese halbe Stunde Spazieren gehen jeden Arbeitstag auch bedeutet, endlich mal in eine kurze Auszeit von diesem allgegenwärtigen Thema Corona abtauchen zu dürfen. Stattdessen an der frischen Luft einen Schritt nach dem anderen gehen. Mit geöffneten Augen die Umgebung wahrnehmen, wie sie sich langsam verändert. Von Winter hin zu Frühling.

Anfangs nur mit dem smarten Telefon festgehalten. Irgendwann habe ich meine kleine Plastikkamera aus dem Schrank genommen, sie entstaubt, mit einem abgelaufenem Film gefüttert und sie in der Jackentasche mit geschlörrt. Denn diese Diana Mini kann nicht viel bis hin zu gar nix. Zwei Blenden, eine Verschlußzeit, vier verschiedene Entfernungen die am Objektiv eingestellt werden können und das war es. Gerade das machte es so spannend, denn sie fordert wenig Überlegung sondern ermutigt dazu, einfach mal zu machen. Abgesehen davon ist sie klein, leicht und paßt gut in die Jackentasche.

Wiederentdeckt: Den Spaß am Fotografieren.

Sehr lange habe ich nur sporadisch fotografiert, irgendwie war das Herz nicht mehr dabei und der Spaß war weg. Eine meiner nicht so rühmlichen Schwächen. Ich schaffe es schnell, mir siebzig, achtzig Prozent des benötigten Wissens und Könnens auf die Platte zu schaufeln, beginne mich aber immer dann zu langweilen wenn es ernst wird auf den Zielgeraden und ich mich zur Abwechslung mal in etwas hinein knien müßte um sichtbare Verbesserungen zu erreichen. Dazu fehlte mir die Inspiration, ich sah mich immer nur das Gleiche fotografieren. Vermutlich bin ich einfach in der Bilderflut der sozialen Medien untergegangen bevor ich ihnen den Rücken gekehrt habe.

Die Kinder, die mich Tante nennen, haben mich dann mit der Nase darauf gestoßen worum es eigentlich geht: Spaß haben. Die zwei finden das nämlich total faszinierend, dieses Bilder machen. Vor allen Dingen wenn die Tante die Instantkamera dabei hat und man dabei zuschauen kann, wie das Bild zum Vorschein kommt. Ich hab mir ein Beispiel an den Kindern genommen – etwas, was wir Erwachsenen ruhig häufiger tun sollten – und beim Spazieren gehen einfach die Augen offen gehalten. Erst mit dem smarten Telefon, später mit der Diana Mini und zwei, drei Mal mit meiner Pentax ME.

Mehr als nur dreißig Minuten Bewegung.

Es wird jetzt keinen wundern, daß Bewegung gut tut. Das hört man an jeder Ecke und man kann das natürlich auch sehr schnell am eigenen Leib erfahren. Schön am Spazieren gehen finde ich daß man dafür nichts außer zwei gesunden Füßen und dem Wetter angepaßter Kleidung braucht. So simpel es scheint, einfach nur einen Fuß vor den anderen zu setzen, es macht etwas mit mir. Ich kann hervorragend nachdenken während ich die Kunst des langsamen Gehens praktiziere. Das funktioniert wie ein Reset-Knopf.

Es tut meinem Körper gut, es senkt den Blutdruck und stärkt die Ausdauer. Beim Gehen lösen sich merklich Verspannungen in Schulter und Nacken, was mir als Schreibtischtäter natürlich sehr entgegen kommt. Und es tut meiner Psyche gut. Ich gehe alleine spazieren, die Kollegen sitzen fast alle im Home Office, und genieße das. Mein Tempo, meine Entscheidung wo ich lang laufen möchte, ich muß mich auf niemand anderen konzentrieren, ich muß nicht reden sondern kann dabei Musik hören und für mich alleine sein.

Die Kunst des langsamen Gehens darf gerne bleiben.

Mittlerweile ist es mir zur Gewohnheit geworden, mich um halb eins auf die Socken zu machen. So sind bisher gut zweihundert Kilometer zusammen gekommen, die ich zu Fuß zurück gelegt habe. Einfach so, in der Mittagspause. Auch wenn Corona uns irgendwann aus seinem Griff entlassen sollte, das darf gerne so bleiben.

Ein Hoch auf den Spaziergang in der Mittagspause!

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