Auf dem Bauernhof

Im Land der Bollenhüte: Auf dem Bauernhof.

Ich wollte Meer, gegen mein immer akutes Meerweh. Damals, in diesem 2016. Und dann ist Cookie mit mir an die Ostsee und nach Hamburg gefahren. Denn Hamburg geht immer und Meer sowieso. Nachdem ich also damals, in diesem 2016, das Reiseziel bestimmt hatte durfte Cookie im Folgejahr aussuchen, an welchem schönen Ort wir unseren gemeinsamen Urlaub verbringen. Cookies Wahl fiel auf den Schwarzwald und bei mir fiel auch etwas, nämlich die Entgeisterung aus dem Gesicht.

Da fährt man doch hin wenn man alt ist?

Schwarzwald. Da tragen die Frauen komische Wollknäuel auf dem Hut, es gibt ständig Kirschtorte und im Stundentakt schreit es “Kuckuck” durch die Stube. Schwarzwald, die Region in Deutschland, obwohl weltweit bekannt, mit einem doch sehr verstaubten Image. Schwarzwald, da fährt man hin wenn man alt ist. Oder nicht oder doch?

Cookie sagte also Schwarzwald und vor meinem inneren Auge zogen wir zwei in beigefarbene Outdoorkleidung gehüllt wie so zwei Rentner durch finstere Tannenwälder auf der Suche nach dem nächsten Stück Kirschtorte, schwangen unsere Wanderstöcke im Takt, dabei immer verfolgt von einem lästigen Kuckuck. Das traf jetzt auf den ersten Blick nicht meine Idealvorstellung von Urlaub. Aber, gleiches Recht für alle, es war an Cookie sich ein Reiseziel zu wünschen und somit an mir, das zu tun, was ich wirklich gut kann. Nämlich einfach das Beste daraus zu machen. Ich bestellte mir beim Schwarzwald-Tourismus einen Haufen interessanter Broschüren, die man für umsonst bzw. eine kleine Spende per Post zugesendet bekommt, und stellte fest, daß der Schwarzwald spannender zu sein scheint als sein Image.

In bester Hanglage: unser Zuhause für zwei Wochen.

Ein wenig versöhnt mit der Tatsache, daß der Schwarzwald offensichtlich mehr zu bieten hat als beigefarbene Rentner und Kirschtorte, Bollenhüte und Kuckucksuhren packe ich meine Siebensachen, was mehr so in den Versuch ausartet, den halben Hausstand in den Kofferraum des Darth Avensis untergebracht zu kriegen. Und wir fahren nicht einfach nur in den Schwarzwald. Oh nein, wir machen Ferien auf dem Bauernhof. Ich, das Stadtkind, auf einem Bauernhof? Nun, auf einem Bauernhof hat es für gewöhnlich Tiere, besonders die Katzen, die haben es mir angetan.

Der Bauernhof, der unsere Ferienwohnung beherbergt, liegt recht weit oben auf dem Berg und sobald ich an den Gebäuden vorbei bin, fängt der Wald an und ich bin mitten in der Natur. Die unglaublich viele Obstbäume enthält. Und der im Übrigen sehr ruhigen Natur, eine Stille, die ich als Stadtmensch gar nicht mehr so gewohnt bin. Auf langen Spaziergängen bergab und bergauf bietet sich mir die Gelegenheit, eben diese Stille in Ruhe zu genießen.

Überhaupt, diese Stille wird mich die ersten Tage nachts in den Wahnsinn treiben. Ich meine, ich wohne in der Stadt und ohne das Rauschen meiner Autobahn kann ich halt nicht schlafen. Klingt komisch, ist aber so. Ich liege in diesem großen Bauernbett, höre absolut nichts und dazu ist es stockduster. Geht gar nicht, wie soll ich denn einschlafen wenn mir ständig die Frage im Hirn herum spukt ob ich schon tot sei und man mich vorsorglich bereits eingesargt habe?

Wie jetzt? Kein W-LAN?! Ist nicht Dein Ernst.

Doch, ist mein Ernst. Mein voller sogar. Unsere Ferienwohnung hat kein W-LAN. Und Handy-Empfang ist am Berg jetzt auch eher so mäßig bis gar nicht vorhanden. Wir leben für zwei Wochen on Edge, wenn überhaupt. Muß man auch erstmal drauf klar kommen. Gerade wenn man den ständig guten Empfang hier bei uns in der Ecke und schnelle Internetverbindungen in den eigenen vier Wänden gewohnt ist. Da ist dann schon mal Geduld gefragt wenn aus dem Nachschauen einer Öffnungszeit online ein Staatsakt wird, der gefühlt eine Ewigkeit zum Laden braucht. Oder die Instagram-Story per Brieftaube an den Server übermittelt wird.

Da macht sinnloses im Internet herum surfen keinen Spaß. Nicht mal ein bißchen. Und, was mache ich stattdessen, so ohne vernünftigen Anschluß an den mobilen Rest der Welt? Erst recht, wenn außerhalb unserer Ferienwohnung ein Sturm aufzieht und es mehr als nur einen Tag kräftig regnet? Tja. Ich entdecke die gepflegte Langeweile für mich und gucke zum Beispiel Fernsehen. Mit Tagesschau und anschließendem Film. Würde ich zu Hause nie tun, aber hier reicht weder Datenvolumen noch Empfang für solch Luxus wie etwa den halben Tag mit Netflix auf der Couch herum gammeln. Und gepflegte Langeweile ist etwas, das sollte man kultivieren.

Sagte ich schon Tiere?

Urlaub auf dem Bauernhof beinhaltet natürlich Tiere. Kühe, Hühner, Gänse, zwei Schweine, Ziegen, Kaninchen und, ganz wichtig, Katzen. Ich hätte ja gerne zwei Katzen. Am liebsten so runde, ältere Kater, die gediegen überall herum liegen wo man sich gerne hinsetzen möchte und einen indigniert angucken wenn man das falsche Futter aufmacht. Die dafür schnurren können als würden sie für die Synchronrolle der fliegenden Nähmaschine vorsprechen wollen. Wenn es nach mir ginge dann schriebe ich jetzt nicht im Konjunktiv, sondern würde lustige Katzengeschichten erzählen, deren Pointe nur andere Katzenbesitzer wirklich nachvollziehen können.

Nun denn, wenigstens im Urlaub hat es Katzen. Die, sobald ich morgens die Türe unserer Ferienwohnung öffne um auf die Terrasse zu treten, nach spätestens fünf Minuten scheinbar gelangweilt um die Ecke geschlendert kommen um sich Streicheleinheiten abzuholen. Schöne Art, den Tag anzufangen. In die dicke Strickjacke eingemummelt auf der Terrasse sitzen, eine warme Decke auf den Beinen, in den Händen die erste Tasse Tee des Tages und auf dem Schoß eine schnurrende Katze während der Nebel durch das Tal wabert. Daran könnte ich mich gewöhnen.

Gewöhnen kann ich mich auch an den Haus- und Hofhund unserer Vermieter, der auf den passenden Namen “Strolchi” hört. Ihm gehört der Hof und er paßt gut darauf auf. Ansonsten ist er von recht freundlichem Gemüt und freut sich jedesmal wie Bolle, wenn wir zurück kommen. Wie sagt man so schön? Der ganze Hund wedelt vor Freude, da freue ich mich jedesmal drüber. Strolchi kommt auch gerne mal vorbei um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen sobald wir oben aus der Türe treten oder auf der Terrasse sitzen.

Das ist Luftlinie nur fünf Kilometer entfernt.

Sagt Cookie. Und dann fahren wir gefühlt fünf Berge hinauf und gefühlt zehn Berge wieder hinab, haben bestimmt dreißig Kilometer mehr auf dem Tacho um an den Ort zu gelangen, der laut Luftlinie ganz nah dran schien. Ich werde mich die zwei Wochen nicht daran gewöhnen, mein Orientierungssinn mag das überhaupt nicht. Doch die Straßen sind toll! Ernsthaft, ich liebe diese engen Straßen, die sich bergauf und bergab winden durch dunkle Tannenwälder, in denen sich an trüben Tagen die Wolken zu verfangen scheinen. Ich habe den Luxus auf dem Beifahrersitz durch die Gegend chauffiert zu werden, da kann man enge Bergstraßen entspannend finden – erst recht, wenn ab und an durch eine Lücke zwischen all den Bäumen so eine wunderbare Aussicht durch blitzt.

Auch wenn man dann für dreißig Kilometer eine gute Stunde braucht. Gut, kannste hier auch haben, mußt nur auf dem Ruhrschleichweg parken fahren – die Ruhrgebietler werden wissen, was ich meine. Allerdings ist die Landschaft im Schwarzwald einfach schöner. Sorry Ruhrgebiet, aber isso. Echt getz. Und mit den Sonnenuntergängen gibt er sich mal so richtig dolle Mühe, das muß man ihm lassen, dem Schwarzwald.

Ich mag den Schwarzwald. Am Ende der zwei Wochen bin ich ein wenig verliebt in die Region mit dem verstaubten Image, wo die Menschen für meine Ohren unverständlich reden und die Uhren langsamer zu gehen scheinen. Er kann ja nix dafür, daß ich ihn anfangs mit beigen Rentnern, Trachten und Kuckucksuhren assoziiert und mich vor dem geistigen Vergreisen gefürchtet habe. Es ist ein wunderbares Fleckchen Erde, das mir noch mehr bieten wird als Katzen streicheln und Berge hinauf sowie hinunter chauffiert zu werden. Doch das sind Geschichten für einen anderen Tag.

2 Gedanken zu „Im Land der Bollenhüte: Auf dem Bauernhof.“

    1. Mein nächstes Reiseziel habe ich mir ausgesucht – ich fliege alleine für einen Roadtrip nach Sardinien. Und für den gemeinsamen Urlaub habe ich mich für den Schwarzwald entschieden.

      Liebe Grüße!
      Mirtana

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