Fuck you and your attitude!

Fuck you and your attitude! Gegen giftige Komplimente.

Morgens im Spiegel schaut mir mein etwas müdes Ich entgegen und ich frage mein Spiegelbild kritisch, ob mir der schwarze, knielange Kordrock, den ich so unglaublich gerne mag, eigentlich steht. Woher auf einmal die Kritik an einem Kleidungsstück, das ich doch so gerne anziehe? Bis eben war doch zwischen mir und dem geliebten Rock noch alles in Ordnung. Der arme Rock, muss er nun befürchten wieder zurück in den Kleidertrümmer verbannt zu werden? 

Wie jetzt, Kleidungskrise?

Naja, alles in Ordnung wäre nun auch ein klitzekleines bißchen übertrieben. Ich bin mir sehr sicher, der Rock würde gerne öfter mal ordentlich gebügelt werden, allerdings fehlt in meinem Werkzeugkoffer der hausfraulichen Fähigkeiten dieses ominöse Werkzeug namens „ordentlich bügeln können“. Ich habe das unnachahmliche Talent mehr Falten in Kleidung zu bügeln als sie vorher hatte … Doch das ist nicht der Grund, warum ich auf einmal zweifelnd vor meinem Spiegel stehe und eine innere Krise mit meinem Lieblingsrock ausfechte. Das gute Stück verzeiht mir bestimmt mein mangelndes Bügeltalent.

Der Grund ist ein anderer. Ein vermutlich gut gemeintes Kompliment, das sich in meinem Kopf ins Gegenteil verkehrt hat. Den Abend zuvor trug ich einen meiner bodenlangen, luftigen Röcke, die ich mir extra für den Sommer gekauft hatte. Für den Sommer, der dieses Jahr mit mehr Nichtanwesenheit glänzte als ich im Philosophie-Unterricht in der Schule damals. Und ich wurde mit den Worten – sinngemäß, nicht wörtlich – von jemandem begrüßt, daß mir dieser lange Rock doch viel besser stünde als die knielangen Röcke, die ich sonst so zu tragen pflege. Ja, genau so habe ich auch geguckt.

Gut gemeint ist eben nicht gleich gut.

Darüber bin ich in dem Moment kurz gestolpert, habe irritiert aus der Wäsche geschaut, dann die Achseln gezuckt und mir die Worte wie imaginären Dreck von den Schultern gefegt. Ich glaube nicht, daß die Person es böse meinte. Vorwerfen, wenn ich ihr denn etwas vorwerfen würde, könnte ich ihr höchstens mangelnde Sensibilität. Denn im Umkehrschluß wird daraus mehr ein „ich laufe sonst schlecht gekleidet herum“. Gesagt habe ich dazu nichts, aber so einfach abgeschüttelt wie ich erst dachte habe ich die Worte wohl auch nicht. Ja, ja, sonst würden wir hier alle uns ja nicht mit ellenlangem Text befassen müssen, ich weiß.

Das hat mich noch einige Tage beschäftigt. Und diesen Fakt, daß mich das Gesagte so nicht los lassen wollte, fand ich befremdlich. Mich interessiert Mode nicht großartig. Ich weiß nie, was gerade angesagt ist und es ist mir auch ziemlich egal. Kleidung wähle ich nicht nach dem Gesichtspunkt aus, ob sie gerade der aktuellen Mode entspricht. Sondern ob sie mir gefällt und ob ich mich darin wohl fühle. Ob mir die Farbe und das Material gefällt und ob sie mir paßt. Ich habe angefangen Röcke zu tragen weil es für mich einfacher ist passende Röcke zu finden als gut sitzende Hosen. Es hat mich eine ganze Menge gekostet um vom überzeugten Jeansmädchen zur Rockträgerin zu werden.

Das ist halt deine Meinung, nicht meine.

Und das ist der springende Punkt. Mir zu sagen daß mir ein bestimmtes Kleidungsstück besser stünde als das, was ich sonst so trage, ist nur der Ausdruck eines anderen Geschmacks als meiner. Ich habe in diesem Moment nicht nach einer Meinung gefragt und trotzdem eine bekommen. Mit dieser, für mich nicht so schönen, Meinung muss ich irgendwie umgehen. Entweder lasse ich mich davon verunsichern und hänge meinen Lieblingsrock wieder in den Schrank um ihn nicht mehr anzuziehen. Oder ich akzeptiere, daß jemand anderem dieses Kleidungsstück an mir nicht gefällt und ziehe es trotzdem an. Weil es mir an meiner Person gut gefällt. Einfache Kiste.

So schnell kann aus einem gut gemeinten Kompliment eine Verletzung und ein Glaubenssatz werden, der verunsichert und traurig macht. Nicht jeder besitzt ein so schwer zu erschütterndes Selbstbewußtsein  und die Stärke, die ich mir mühsam erkämpft habe. Mit unbedachten Worten kann man so viel Schaden anrichten, erst recht wenn man nicht nach seiner Meinung gefragt wurde. Bitte zehn Leute um eine ehrlichen Meinung zu Deiner Frisur und Du bekommst zehn unterschiedliche Aussagen, die zehn unterschiedliche Geschmäcker widerspiegeln. Wetten?

Wichtig für mich ist am Ende des Tages nur mein Geschmack. Egoistische Nummer? Nein. Ich suche mir die Kleidung aus, die mir gefällt. Punkt. Andere Menschen dürfen da gerne eine Meinung zu haben, ich kann sie ja schlecht davon abhalten. Allerdings muss mich diese Meinung weder sonderlich interessieren noch, und das ist der wirklich wichtige Punkt, darf ich es zulassen daß diese fremde Meinung unreflektiert zu meiner eigenen wird und mich in Folge verunsichert. Dafür brauche ich eine klare Grenze zwischen „mein Geschmack“ und „deine Meinung“.

Fuck you and your attitude!

Ja, ich stelle mich oft in Frage. Das bedeutet im Umkehrschluß aber nicht daß ich mir immer noch die Meinungen und Urteile meiner Mitmenschen zu eigen mache oder gar machen müsste. Es hat nicht nur lange gedauert und war ein Weg vieler bitterer Tränen und süßer Erfolgserlebnisse. Nein, dieser Weg ist mein Weg, den ich täglich gehe. Und nichts auf das zu geben, was andere meinen, urteilen, zu wissen glauben und ungefragt zum Besten geben? Das ist das, was ich „Fuck you and your attitude“ (auf vulgär deutsch: Fick dich und deine Einstellung/Standpunkt) nenne. Dieser Satz ist mein stärkstes Werkzeug, mein innerer Stinkefinger wenn mir mal wieder jemand so unsensibel über die Leber zu latschen versucht.

Wenn ich dich nicht zum Kleidung kaufen mitgenommen habe um eine Zweitmeinung einholen zu können dann halte doch bitte entweder die Klappe oder überlege dir vorher, was genau du sagst. Ein einfaches Kompliment mag jeder gerne und das ist auch ganz einfach gemacht. In diesem Falle hätte „Oh, den Rock mag ich an dir echt gut leiden“ oder „Du siehst toll aus in dem Rock“ voll und ganz gereicht. Das wäre ein gutes Kompliment gewesen statt nur der gut gemeinte Versuch eines zu machen. Gehen wir doch einfach mal davon aus, daß ich mir bei der Wahl meiner Kleidung etwas gedacht habe, hmm? Und es steht niemandem zu, mich dafür zu kritisieren weil ich seinen Geschmack nicht getroffen habe. Ja, ich meine das in echt so. Und mit Ton und in bunt.

Es hat mich einfach ein paar Tage beschäftigt und im Nachhinein habe ich mich auch ein wenig geärgert nicht in dem Moment, in dem mir dieses zweifelhafte Kompliment an den Kopp knatterte, etwas gesagt zu haben. Das Problem in diesen Situationen besteht für mich darin, daß ich nicht auf Anhieb erkenne, was da gerade passiert. Ich habe nur dieses merkwürdige Gefühl daß da gerade was nicht stimmt. Stecke ich in der Situation dann zucke ich mit den Achseln und nehme den Driss mit nach Hause. Zum Glück wird mir früher, manchmal auch erst später klar, was genau da eigentlich passiert ist, was es mit mir macht und wie ich verhindere, fremde Meinungen zu meiner eigenen zu machen.

Ich wünschte mir halt manchmal nicht ganz so schwer von Begriff zu sein und die Situation direkt erkennen und vor allem auch benennen zu können um eine Grenze zu ziehen. Zwischen der Meinung, um die ich nicht gebeten habe, und meinen eigenen Geschmack. Das würde mir die ein oder andere Verunsicherung ersparen … Aber gut, Leben ist halt kein Wunschkonzert. Arbeite ich eben dran, früher oder später lerne ich dieses Ding mit dem verbalen Grenzen ziehen im Hier und Jetzt.

Und zum guten Schluß fünf Euro ins Phrasenschwein.

Der gut gemeinte Versuch eines Kompliments kann in den falschen Ohren ganz viel Schaden anrichten. Ich weiß, wie abgedroschen es klingt wenn ich sage daß Worte das Potential haben böse Verletzungen zu hinterlassen. Abgedroschen oder nicht, es steckt nun mal ein dicker Brocken Wahrheit in dieser Platitüde. Gerade Menschen, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, kämpfen so oft gegen giftige Komplimente und deren Nebenwirkungen. Machen wir es uns doch nicht unnötig schwerer als es so schon ist.

Leute, laßt Euch bitte nicht verunsichern von giftigen Komplimenten. Zieht an, was Euch gefällt. Lauft draußen herum wie Euch der Sinn steht. Macht anderen liebevolle und überlegte Komplimente. Freut Euch über ernst gemeinte und aufrichtige Komplimente. Und vergeßt nie, daß Ihr Euch zuerst gefallen müßt. Wenn Euch das nächste Mal jemand ungebeten eine Meinung oder gar seinen Geschmack aufnötigt, dann holt tief Luft, zeigt demjenigen den mentalen Stinkefinger und …genau, jetzt alle zusammen:

„Fuck you and your attitude!“

Seid wild und bunt und schön und wunderbar. Ihr habt es verdient.

4 Gedanken zu „Fuck you and your attitude! Gegen giftige Komplimente.“

  1. Wow, das hätte jetzt ein Text vom mir sein können :o)
    Worte können schärfer sein als jeder Klinge dieser Erde. Nahezu grausam finde ich, das ein Großteil der Menschen seit längerer Zeit schon keinerlei Rücksicht mehr nimmt und immer und bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Worten um sich schmeißt ohne vor in Gebrauchtnahme des Mundes das Hirn einzuschalten :o(
    Diese Art von Menschen begleiten mich schon mein Leben lang. Da ich absolut nicht dem Schönheitsideal entspreche, da ich etwas runder bin als andere, reichen an schlechten Tagen oftmals schon die Blicke anderer damit ich mich „schlecht oder schuldig“ fühle. Allerdings stelle ich auch fest, je älter ich werde, desto weniger juckt mich das noch.
    Schade das man diese Art von „dickem Fell“ nicht schon in die Wiege gelegt bekommt. So muss man es sich sehr mühsam erkämpfen und darauf achten das es nicht wieder dünner wird.

    Aber gut zu sehen das du für dich einen Weg gefunden hast, damit umzugehen. :o)

    Lass uns weiter daran arbeiten etwas spontaner zu sein und bei solchen Gelegenheiten auch mal einen passenden Spruch für das Gegenüber drauf zu haben :o)

    Liebe Grüße
    Silke

    1. Liebe Silke,

      es scheint mir, als sei es noch nie groß in Mode gewesen vor dem Gebrauch der eigenen Stimme das Gehirn zu benutzen 😉

      Schade finde ich eher, daß wir dieses „dicke Fell“ irgendwann dringend nötig haben um überhaupt klar zu kommen. Schon traurig, daß wir gefühlt immer härter werden, das tut doch am Ende keinem mehr gut.

      Wie gut, daß es Dich immer weniger juckt was andere denken oder sagen je älter Du wirst. Ich stelle immer wieder fest, so ähnlich geht es mir auch. Wobei ich nicht weiß ob das was mit dem Alter oder schlicht und ergreifend dem eigenen Bewußtsein zu tun hat.

      Ich wünsche Dir noch einen schönen Sonntag.
      Liebe Grüße,
      Mirtana

  2. Solche „Komplimente“ können mich an einem falschen Tag auch ordentlich aus dem Tritt bringen. Ich hasse das. Aus diesem Grund habe ich mir angewöhnt -wenn es denn möglich ist- wirklich nur dann um eine andere Meinung zu bitten, wenn ich sie auch hören möchte und damit umgehen kann und will. Aber leider, leider gibt es so viele Menschen, die dir ihren Mist ungefiltert um die Ohren knallen und dann noch sauer sind, wenn du das nicht hören willst… :/

    1. Liebe Anna,

      ich denke daß Problem liegt einfach daran, daß wir ein Recht auf unsere Meinung haben und dabei vergessen, daß unser Gegenüber ebenfalls das Recht hat, diese Meinung gar nicht hören zu wollen. Oder auch hören zu können. Wie ich bereits sagte, nicht jeder verfügt über die Werkzeuge mit diesen ungebetenen Meinungen umgehen zu können.

      Für einen liebevolleren Umgang miteinander!

      Liebe Grüße,
      Mirtana

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